Supernase in der Packtasche

Ist Passivrauchen auf der Busspur gesundheitsschädlich – und haben Nebenstraßen die bessere Luft? Wissenschaftler sind kreuz und quer durch Berlin geradelt, um es herauszufinden. TEXT UND FOTOS VON STEFAN JACOBS

Radfahren soll ja gesund sein. Aber stimmt das auch, wenn die Tour durch den Berliner Berufsverkehr führt, in dem sich die Autokolonnen stauen? Wissenschaftler des IASS (Institute for Advanced Sustainability Studies) wollen es herausfinden. Wochenlang sind die Chemikerin Erika von Schneidemesser und ihre Kollegen im Sommer 2014 auf verschiedenen Routen von Berlin zum Institutssitz nach Potsdam und zurück geradelt, in den Packtaschen zwei vom Umweltbundesamt geliehene Messgeräte. Die registrierten unterwegs die Konzentration der Feinstaub-Partikel, die sonst nur von stadtweit 16 stationären Messstellen erfasst werden. Dank dieser Stationen ist zwar bekannt, dass Berlin an Hauptstraßen ein ernstes Feinstaub-Problem hat und dass die Konzentration der gesundheitsschädlichen Partikel an trüben, windstillen Tagen besonders hoch ist. Aber die Messcontainer erfassen nicht, was beispielsweise ein Bus vor der Nase eines Radfahrers ausmacht und ob es sich lohnt, auf Nebenstraßen auszuweichen.

Erika von Schneidemesser klickt sich in ihrem Büro durch Stadtpläne mit Punktlinien, deren Farbe von blassrosa bis tiefrot reicht. Je dunkler die Punkte, desto schlechter die Luft. Aber der Zusammenhang zwischen Ort und Dreck ist nicht so klar wie gedacht. So hatte sie auf ihren Fahrten auf dem Kronprinzessinnenweg – also parallel zur AVUS – teils bessere Luft als der Kollege, der die Havelchaussee nahm. Womöglich waren dort die Auspuffrohre der (wenigen) überholenden Autos einfach viel dichter dran und der Ausstoß von Abgasen auf der hügeligen Strecke größer, so dass der Radler dort mehr Dreck abbekam als die Kollegin neben der AVUS, aufOLYMPUS DIGITAL CAMERA der die Autos zwar massenhaft, aber gleichmäßig und in viel größerem Abstand zum Radweg rollten. Ähnliche Unterschiede zeigten sich zwischen breiten Magistralen mit abseits der Fahrbahn liegendem Radweg und Straßen mit Radfahrstreifen auf der Fahrbahn oder kombinierter Spur für Busse und Radfahrer. »Ein Umweg durch Nebenstraßen scheint sich für Radfahrer auf jeden Fall zu lohnen«, sagt Erika von Schneidemesser.

Eine Grafik in ihrem Computer zeigt den Blick schräg von oben auf die Stadt, die gefahrene Route als Linie zwischen den Häusern – und ein paar Stellen mit hoher Feinstaubkonzentration ragen wie Felszacken heraus. Oft sind es Kreuzungen, aber manchmal liefert erst der Videomitschnitt der Fahrt die Erklärung: Ein Bus oder Lastwagen voraus. Ein Raucher an der Ampel. Oder ein Moped. Aus solchen Beobachtungen können sich auch politische Forderungen ergeben, zumal die Luft in Berlin im Mittel nicht sauber genug ist, um die entsprechende EU-Richtlinie einzuhalten. Das gilt vor allem für Stickoxide, die ein typisches Diesel-Abgas sind und sich anders als der teils von weither in die Stadt gewehte Feinstaub sehr lokal konzentrieren.

Vorerst haben die Wissenschaftler mit der Feinstaubbilanz zu tun. Bei der nächsten Messkampagne wollen sie auch andere Schadstoffe messen. »Dann will ich unbedingt mal hinter einer Trabi-Safari herfahren«, sagt Erika von Schneidemesser. »Deren Abgase dürften gigantisch sein.«

Weitere Informationen zum Projekt:

blog.iass-potsdam.de/2014/12/breathe-measuring-air-quality-berlin/(Englisch)

Die Daten der 16 stationären Messstellen:
stadtentwicklung.berlin.de/umwelt/luftqualitaet/de/messnetz


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