Seit 25 Jahren „immer an der Wand lang“

Grenzwegmarkierung Checkpoint

ADFC-Aktive pinseln am Checkpoint Charlie Fahrradpiktogramme auf die Fahrbahn Foto: Axel von Blomberg

Am 9. November 2014 jährt sich der Mauerfall zum 25. Mal. Zeit für einen Rückblick aus der Radfahrer-Perspektive. VON PHILIPP POLL

Seit seiner Gründung 1983 kümmert sich der ADFC Berlin vorrangig um die Themen Verkehrssicherheit, die Verbesserung der Fahrradinfrastruktur und die Fahrradmitnahme in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Aber in den Anfangsjahren bestimmt auch der Fahrrad-Transit nach „Westdeutschland“ und die Einreise in die DDR per Fahrrad die Arbeit des Berliner ADFC. Seit dem Viermächteabkommen 1971 können West-Berliner mit dem Auto oder der Bahn nach Ost-Berlin einreisen oder ins Umland hinausfahren.

Das war zwischen der Regierung Brandt und der SED-Führung so geregelt worden und kam einem Meilenstein in der Beziehung beider Staaten gleich. Das Fahrrad als Verkehrsmittel hatte man in dem Abkommen aber »vergessen«. Noch wahrscheinlicher ist, dass der Stasiapparat auf die Festlegung der Verkehrsträger pochte, denn mit der Überwachung von mobilen kennzeichenlosen Radfahrern hätte er zweifellos seine liebe Not gehabt. Der Grenzübertritt auf dem Sattel war jedenfalls verboten.

Der Berliner ADFC startet deshalb Mitte der 80er Jahre eine Kampagne. Mit Plakaten steht er auf dem Breitscheidplatz: »Auch Berliner wollen radfahren – Verhandlungen mit der DDR über Einreise und Transit mit dem Fahrrad«. Damit trifft er den Nerv der Medien und kommt zum ersten Mal groß in die Presse, das heißt in die Berliner Morgenpost. Auch der amerikanische Radiosender AFN interviewt den ADFC. Mit der Öffentlichkeit gewinnt der Verband viele neue Mitglieder, aber offensichtlich auch die Aufmerksamkeit der Stasi. Auf der Mitgliederversammlung 1984/85 bemerkt der ADFC Landesvorsitzende Tilman Bracher besonders viele unbekannte Gesichter im Saal. In der Sitzung wird über das weitere Vorgehen für den Fahrradtransit diskutiert. Die Neuen bremsen.

Aktion auf dem Kolonnenstreifen

Aktion auf dem Kolonnenstreifen. Foto: Axel von Blomberg

Die Versammlung zieht sich bis spät in die Nacht hin, doch am Ende können sich die alteingesessenen Mitglieder durchsetzen. An der Transit-Regelung ändert sich allerdings bis zum Mauerfall leider nichts. Der ADFC-Tourenleiter und Aktive Axel von Blomberg versucht gar sein Rad in Einzelteilen nach Ost-Berlin zu schmuggeln, wird aber mit seinem Rahmen von den Grenzern aufgehalten. Erst mit dem Mauerfall können Radfahrer wieder über die Grenze. Am Donnerstag, den 9. November 1989 verkündet Günter Schabowski die Maueröffnung. Am Montag darauf fahren Tilman Bracher, Michael Cramer, Heribert Guggenthaler und Michaele Schreyer, grüne Senatorin für Stadtentwicklung, über die Grenzübergangsstelle an der Heinrich-Heine-Straße.

Keine Verkehrswende mit der Wende
Mit der Wende kommt dann aber auch eine Verkehrswende der anderen Art. Innerhalb kürzester Zeit motorisiert sich das ehemalige Ost-Berlin durch. Die Nadelöhre der Transitstrecken fallen weg und die wiedervereinigte Stadt wird ein internationales Touristenziel. Ruhige Quartiere beiderseits der Mauer sehen sich plötzlich mit der Autolawine konfrontiert. Mit Aktionen setzt sich der ADFC für das Markieren von Radfahrstreifen ein und als der Todesstreifen geräumt ist, pinseln ADFC-Aktive Fahrradpiktogramme auf den Asphalt, um die Diskussion für einen Mauerradweg anzuheizen.

Einreise mit dem Rad 87

ADFC-Presseaktion an der Gedächtniskirche. Foto: Axel von Blomberg

Mauerweg quo vadis?
Inzwischen gibt es Radfahrstreifen auf der Fahrbahn und einen ausgewiesenen Mauerweg. Doch der ist bedroht. Grund dafür ist die fehlende planungsrechtliche Sicherung in den märkischen Kommunen, denn mit rund 120 km verläuft der größte Abschnitt des ehemaligen Kolonnenweges auf Brandenburger Gebiet. Nur rund 40 km liegen auf Berliner Territorium. Die Planungshoheit liegt in Brandenburg bei den zahlreichen an Berlin angrenzenden Gemeinden und die interessieren sich wegen der kurzen und für sie randlagigen Abschnitte leider oft nicht ausreichend für den Erhalt. Wegen der planungsrechtlichen Versäumnisse musste die Route schon häufiger von dem eigentlichen Mauerverlauf auf Ausweichstrecken ohne historische Bedeutung verlegt werden, zuletzt in der Gemeinde Schönefeld, wo ein Investor Fakten schaffen will und der Bürgermeister sich nicht zuständig sieht. Die Beschilderung und den Erhalt des Mauerwegs finanziert derzeit fast ausschließlich Berlin – auch auf den Abschnitten außerhalb der Landesgrenze. Zusammen mit dem Landesverband in Brandenburg setzt der ADFC Berlin sich für die Sicherung des Mauerwegs ein. Wer sich engagieren oder einfach nur etwas über die Teilung und die Berliner Mauer erfahren möchte, kann gerne an den folgenden ADFC-Radtouren teilnehmen. Auch der Europa-Abgeordnete Michael Cramer bietet in diesem Jahr wieder seine „Mauerstreifzüge“ auf dem Rad an.


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