Schön, schöner, Schönhauser

Im Rahmen des neuen Berliner Mobilitätsgesetzes sollen Hauptverkehrsstraßen fahrradfreundlicher werden. Für die Schönhauser Allee hat der Senat die Einrichtung so genannter Parklets beschlossen: Mini-Ruhebereiche mit Sitzmöbeln und Begrünung. Parallel dazu sorgt ein Projekt mit Einzelhändlern dafür, das Einkaufen mit dem Rad angenehmer zu machen. Text und Fotos von Dagmar Huber.

 

Der Umgestaltungsplan von Staatssekretär Jens-Holger Kirchner sieht vor, in diesem Jahr Parkplätze zwischen Eberswalder und Wichertstraße in drei Parklets umzugestalten: Vor der Kinderkunstgalerie Klax, den Schönhauser Allee Arcaden und dem Blumencafé. 2018 sollen drei weitere Parklets eingerichtet werden. Jana Elias, Inhaberin des Spielwarenladens Die wilden Schwäne, hat sich für die zweite Runde Parklets im nächsten Jahr beworben. Sie macht sich keine Sorgen darüber, ob mit dem Verlust von zwei Parkplätzen autofahrende Kunden wegbleiben könnten. »Hier in der Gegend haben viele das Auto schon abgeschafft, weil die Parkplatzsuche generell so zeitraubend ist.« Sie fährt seit 1982 hier Fahrrad und ist selbst an Verbesserungen der Verkehrssituation für Radfahrer interessiert.

Schräg vor den Schönhauser Allee Arcaden soll noch in diesem Herbst ein Parklet entstehen. © Dagmar Huber

Projekt 2Rad-1Kauf-0Emission

Jana Elias (Die wilden Schwäne), Michael Schaarschmidt (Blumencafé) und elf weitere Einzelhändler nehmen am dreijährigen Projekt 2Rad-1Kauf-0Emission teil, das vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) im Rahmendes Nationalen Radverkehrsplans (NRVP) gefördert wird. Das Projekt läuft parallel zu den Umgestaltungsplänen des Senats. Zwei Fachgebiete der Technischen Universität Berlin (TU) haben im März einen Zukunftsworkshop mit Einzelhändlern der Schönhauser Allee veranstaltet. Das Ziel: Der Einkauf per Rad soll in der quirligen Straße attraktiver werden. »Ich freue mich, dass es den Teilnehmern so gut gelungen ist, sich in die Rolle des einkaufenden Radfahrers zu begeben. Durch diesen Perspektivenwechsel konnten Aha-Effekte entstehen«, sagt Stephan Daubitz, wissenschaftlicher Mitarbeiter der TU.

© OL Schwarzbach

Das Besondere an diesem Forschungsprojekt ist, dass die Einzelhändler in die Konzept- und Maßnahmenentwicklung einbezogen sind und in der Umsetzung der Ideen unterstützt werden, auch finanziell. Inzwischen gibt es ein gemeinsames Logo, das unter anderem die faltbaren Fahrradtaschen ziert, die die Einzelhändler gegen eine Spende an ihre Kunden abgeben. In den Geschäften liegen Luftpumpen und Flickzeug für die Rad fahrenden Kunden bereit. Auch gibt es nun einen griffigeren Namen für das Projekt: Schönhauser-Rad-Allee. Katrin Schell, Inhaberin des Second-Hand-Ladens Dorn-Röschen, ist die Namensgeberin. Ihre Rad fahrenden Kunden erlebt sie als wesentlich entspannter als die Autofahrer.

Für Geschäftsinhaberin Katrin Schell gehören gerechte Verkehrsplanung, Klimaschutz und Mitbestimmung als Bürgerin zusammen. © Dagmar Huber

»Radfahrer lassen sich mehr Zeit beim Stöbern. Es ist für niemanden ein Genuss, in Eile einzukaufen, weil die Parkuhr abläuft.« Stephan Daubitz von der TU fasst das Projekt so zusammen: »Hier geht es ganz klar um Dienstleistungskonzepte. Darin liegt eine Chance, eine neue Identität für die Schönhauser Allee zu formulieren und umzusetzen. Außerdem entsteht eine Kommunikation zwischen den Einzelhändlern, die durch die monatlichen Treffen gefördert wird.«

 

Radfahrer sind gute Kunden

Mehrere Studien aus dem In- und Ausland zeigen, wie Rad fahrende Kunden den lokalen Einzelhandel wirtschaftlich stärken. Die Einkaufsmengen pro Einkauf sind zwar geringer, jedoch besuchen Radfahrer den lokalen Einzelhandel öfter als Auto fahrende Kunden. Außerdem können auf der Stellfläche eines Pkw sechs bis zehn Fahrräder parken – Raum für mehr potenzielle Kunden. In der Stadt Bern in der Schweiz hat man durch eine Verbraucherumfrage
festgestellt, dass Radfahrer mehr Umsatz pro Quadratmeter Parkfläche generieren als Autofahrer (7.500 Euro gegenüber 6.625 Euro pro Person und Jahr). Den Ergebnissen einer in Kiel durchgeführten Kundenbefragung zufolge besitzen zwei Drittel der per Rad einkaufenden Kunden ein Auto und entscheiden sich bewusst für die Mobilität auf zwei Rädern. Übereinstimmende Ergebnisse aus Dänemark, Frankreich und Österreich identifizieren Radfahrer als treue Kunden, die meistens innerhalb einer kurzen Entfernung von bis zu drei Kilometern zu ihrem Wohnort einkaufen. Dadurch fördern sie den lokalen Einzelhandel. Außerdem verweilen sie länger als Autofahrer in der Gegend.

Zukunftsideen

Michael Schaarschmidt beobachtet seit mehr als 20 Jahren, dass immer mehr Menschen mit dem Rad auf der Schönhauser Allee fahren. Er freut sich auf den Lärmschutz, den das geplante Parklet seinem Blumencafé bieten wird. © Dagmar Huber

Nun hoffen alle Beteiligten, dass sich weitere Einzelhändler anschließen werden. Weitere Service-Ideen sind reichlich vorhanden: Gepäckboxen zur Zwischenlagerung von Einkäufen, Parkflächen für Lastenräder, mehr Fahrradbügel, überwachte »Fahrrad-Garderoben« und neue Konzepte für Schrotträder. Was davon für die Einzelhändler umsetzbar ist, wird die Zukunft zeigen. Ebenso, wie Stufe 2 der Umgestaltung der Schönhauser Allee von Seiten des Senats aussehen wird. Dazu läuft im Moment eine Machbarkeits-studie. Die Einzelhändler sind sich einig, dass in den Umgestaltungsprozess alle Bürger einbezogen werden sollten, auch die Autofahrer. »Als erstes den Menschen etwas wegzunehmen, ist keine gute Idee. Man muss Menschen begeistern für Veränderung, sie positiv infizieren«, sagt Michael Schaarschmidt. Katrin Schell sieht das ähnlich: »Ich hoffe, dass sich die Schönhauser Allee für alle Kunden, sowohl zu Fuß, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, auch mit dem Auto, besonders aber mit dem Fahrrad zu einer attraktiven und besonderen Einkaufs- und Flaniermeile weiter entwickelt.«