Radeln trotz Sehbehinderung?

Walter Hahn leidet unter altersbedingter Makuladegeneration, kurz AMD. Vor zehn Jahren wurde die Augenkrankheit bei ihm diagnostiziert, inzwischen ist der 77-Jährige hochgradig sehbehindert. Und doch scheut er davor zurück, sein geliebtes Diamant-Fahrrad zu verkaufen. Hahn gibt die Hoffnung nicht auf, vielleicht doch noch mal in die Pedalen treten zu können. Von CLAUDIA LIPPERT

Nicht mehr Rad fahren zu können, das trifft mich sehr«, sagt der Berliner. Von Kindesbeinen an sei er begeisterter Radfahrer gewesen. Auch heute noch sei er körperlich fit genug für einen Ausflug per Rad. Wenn da nicht diese Sehbehinderung wäre, die ihm zunehmend die Sicht vernebelt. Zwar sei das Bild »noch nicht so diesig, dass ich vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehe«. Aber auf dem Fahrrad, da »wird man zur Gefahr für sich und andere«, hat Hahn rechtzeitig erkannt und sein Velo im Keller eingemottet.

In einer geschützten Umgebung und begleitet von einem Sehenden würde er sich das Radfahren aber durchaus noch zutrauen. Seine Idee: eine gemeinsame Ausfahrt von Sehbehinderten und sehenden Begleitradlern. »Vielleicht findet sich ja jemand, der so etwas in unregelmäßigen Abständen organisieren möchte – als Angebot analog zu den Sternfahrten des ADFC«, schwebt ihm vor. Gern würde Hahn im Rahmen seiner Möglichkeiten auch bei der Organisation mitwirken. »Aber zunächst müsste man mal in Erfahrung bringen, wie groß der Bedarf an solchen Touren überhaupt ist.«

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Auch Blinde und Sehbehinderte müssen aufs Radeln nicht verzichten. Das Foto entstand bei der Tandemsternfahrt auf dem Louis-Braille-Festival 2012 in Berlin. Foto: Lami

Als geeignete Strecke könnte sich der Rentner beispielsweise einen Teilabschnitt des Skater- und Radlerrundkurses Flaeming-Skate vorstellen. »Da müsste dann die Polizei mitfahren und uns den Weg freihalten. Und wir würden zudem alle Warnwesten tragen – wie die Kitakinder.« Zweierteams wären ideal, die im Abstand von 30 bis 50 Metern starten und »schön artig und gesittet hintereinander herfahren«, hat sich Hahn überlegt. Voraussetzung wäre allerdings, dass sich die Teilnehmer trotz ihrer Sehschwäche noch gut orientieren könnten, sagt er. »Sonst hat’s keinen Zweck«.

Ist es ums Orientierungsvermögen nicht mehr so gut bestellt, kommt nur noch eine Tandem-Tour in Frage. Hier gibt es bereits Angebote – unter anderem die Ausfahrten der Tandemgruppe des Allgemeinen Blinden- und Sehbehinderten Vereins – ABSV. Ehrenamtler übernehmen als sehende Rad-Piloten das Kommando, Blinde und Sehbehinderte sitzen auf dem hinteren Sattel. Mal radelt die Gruppe in den Grunewald, mal ins Berliner Umland. Auch beim Touristiker aktiv-tours aus Großkoschen im Lausitzer Seenland stehen geführte Tandem- und Tretmobiltouren auf dem Plan – beispielsweise rund um den Senftenberger See. Am Radstützpunkt im Familienpark Großkoschen hat Firmenchef Eckhard Hoika eine taktile Radwanderkarte montiert – damit Blinde die Route durchs Seenland zumindest erfühlen können. Radwegenetz und Seen sind ins Holz gefräst und mit Blindenschrift bezeichnet. »Auch die Sehenden bekommen so einen Überblick über das gut ausgebaute Radwegenetz«, sagt Hoika. Deutschlandweite und internationale Tandemausflüge organisiert der Verein Tandem-Hilfen – zum Beispiel das Tandem-Schnuppern vom 1. bis 4. Oktober in Boltenhagen an der Ostsee. Eine Veranstaltung, die sich auch an Eltern mit blinden oder sehbehinderten Kindern richtet, wie Organisator Dr. Thomas ­Nicolai aus Berlin betont.

Wer Interesse hat an einer gemeinsamen Ausfahrt von Sehbehinderten und Sehenden,
wende sich per Mail an kontakt@adfc-berlin.de, so dass erst einmal der
Bedarf ermittelt werden kann.


Tandemfahrten in Berlin und Umgebung:

ABSV
Auerbachstraße 7 (Garageneinfahrt Bettinastr.), 14193 Berlin
April bis September, donnerstags ab 16:30 Uhr und jeden 3. Sonntag im Monat ab 10:00 Uhr
Kontakt: Liane Taczkowski und Steffen Kruschwitz, Tel: 030 51 65 07 55
www.bbsv-online.org

Deutschlandweite und internationale Tandemfahrten:

Verein Tandem-Hilfen
Kontakt: Dr. Thomas Nicolai, Tel: 030 208 17 20
www.tandem-hilfen.de

Tandem- und Tretmobiltouren durchs Lausitzer Seenland:

Aktiv-tours
Straße zur Südsee 1, 01968 Senftenberg OT Groß­koschen
Telefon 03573 81 03 33
www.aktiv-tours-lausitz.de


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