Rad des Geldes

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Versuch eines Radstellplatzes in Brandenburg

Mit dem Fahrrad geht es bergauf, der Weg vom verzauselten Ökomobil zum alltags-gebräuchlichen Verkehrsmittel ist geschafft. 70 Millionen Fahrräder haben sich die Deutschen inzwischen gekauft und fahren damit zur Arbeit, in den Urlaub, zum Einkauf oder in die Rußwolke aus einem der langsam zurückweichenden 42 Millionen deutschen Pkw. TEXT UND FOTOS VON KERSTIN E. FINKELSTEIN

Der Fahrradhandel setzt fünf Milliarden Euro jährlich um, Tendenz steigend, nicht zuletzt wegen des E-Bikes oder Pedelecs, das es im Gegensatz zu seinem Pkw-Bruder ganz ohne Subventionen und Abwrackprämien zu einem Innovationsschlager gebracht hat: 1,3 Millionen Pedelecs rollen über Deutschlands Hügel, derweil das vierrädrige Pendant nach verkaufter Stückzahl immer noch nach wie vor im Tausender-Bereich vor sich hin eiert.Aber nicht nur das Rad des Handels rollt.


Die Branche ist größer, beginnt bei den Herstellern, die etwa drei Millionen Fahrräder pro Jahr produzieren. Sie geht, um nur einige zu nennen, über die Zulieferer, den Fahrradtourismus mit seinen geführten Touren, den Verleihsystemen und speziellen Herbergen, den Kurier und Lastenfahrern bis zu den Mechanikern, der Fachpresse und in den Bereich des Fahrradsports: Fast 300.000 Arbeitsplätze hängen in der Bundesrepublik inzwischen direkt vom liebsten deutschen Verkehrsmittel ab. Das Gesamtvolumen der Fahrradwirtschaft liegt aktuell bei 16 Milliarden Euro und übersteigt damit, nur zum Vergleich, den Haushalt des Landes Sachsen. Hinzu kommen die vermiedenen Ausgaben: Ein Fahrradstellplatz kostet weniger als einer für den Pkw; ein Radstreifen lässt sich preiswerter unterhalten als eine Autostraße; und die gesamtgesellschaftlich getragenen Kollateralschäden von Unfallfolgen bis Staubhusten treten beim Rad auch nicht auf. Eine Investition, die sich lohnt, sollte man also denken und angesichts hehr formulierter Radverkehrsstrategien erwartungsfroh auf die staatlichen Haushalte blicken.

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Liebevolle Infrastrukturmaßnahme Typ Berlin

Allein: Berlin formuliert zwar das Ziel, 2017 fünf Euro pro Kopf für den Radverkehr ausgeben zu wollen, hat sich jetzt aber erst einmal einen Haushalt für 2014/15 gegeben: mit 1,70 Euro pro Hauptstadtkopf fürs Rad. Sechs Millionen sind das in absoluten Zahlen und damit nur 500.000 Euro mehr, als München sich allein seine Werbekampagne „Radlhauptstadt“ hat kosten lassen. Berlin muss und soll ja auch gerne sparen, nur wie ist die Frage. Während man sich einen Radverkehrsbeauftragten meint nicht leisten zu können, wird zeit gleich der Posten des Musikbeauftragten geschaffen. Und während für Straßenbau und -erhalt mehrere hundert Millionen Euro ausgegeben werden, wird gleichzeitig wochenlang über eine mögliche Kürzung des Radverkehrsetats debattiert. Gutes muss offenbar teuer sein, so wie zum Beispiel die Großbaustelle in Schönefeld. Hier entstehen Kosten, die dem Gegenwert von 800 Jahren Radverkehrsetat entsprechen.

Wo könnte die Reise stattdessen hingehen?
Laut Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt stehen Radfahrern in Berlin mittlerweile 200 Kilometer Radstreifen zur Verfügung. Die Hauptstraßen messen indes mehr als 1.600 Kilometer. Da ist also noch Luft. Ebenso wie beim Landes- und Bundesetat. So sank auch auf Bundesebene das Budget für Bau und Erhalt von Radwegen an Bundesstraßen zwischen 2010 und 2011 von 100 auf 80 Millionen Euro.

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Radtourismus: schön, grün und bringt Geld

Anschließend sollte weiter gekürzt werden, was nur auf Grund intensiven Protests vor allem des ADFC verhindert werden konnte. Der Verkehrsreferent des Bundesvereins, Wilhelm Hörmann, sieht denn auch in diesen ständigen Beschränkungen ein völlig falsches Signal. Er verlangt entsprechend des Verkehrsanteils für das Rad dauerhaft mindestens zehn Prozent der gesamten Ausgaben im Verkehrsbereich. Das wären etwa 1,5 Milliarden Euro im Jahr. Und klingt nach Entwicklungsmöglichkeit.
In anderen Finanzbereichen bewegt sich indes immerhin etwas. So gilt seit November 2012 das so genannte Dienstwagenprivileg auch für Fahrräder. Als monatlicher Durchschnittswert wird für die private Nutzung ein Prozent des Listenpreises festgesetzt; der Steuervorteil kann rückwirkend zum 1. Januar 2012 wahrgenommen werden. Die Vorteile für Unternehmen und Beschäftigte sind offensichtlich: Räder brauchen weniger Stellfläche als ein Fuhrpark Limousinen. Zudem sind Rad fahrende Mitarbeiter gesünder, der Krankenstand geht nachweislich zurück; Unterhalt und Wartung eines Rades sind vergleichsweise preiswert; und schlussendlich können Unternehmen sich mit einer Diensträderflotte auch noch einen grünen Anstrich geben, was dem Marketing nicht schadet. Das Gute liegt so nah und wird dennoch regelmäßig zur Seite geschoben. So wurden im Dezember Berliner Haushalte von der TU Dresden und der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt angeschrieben. Man möge bitte an einer Studie zum Thema „Mobilität in Städten“ teilnehmen. Gefragt wurde, welche Wege man am 10. Dezember zurücklegen würde und welche Verkehrsmittel man dafür nutze. Die vorgeschlagenen
Antwortmöglichkeiten lauteten „z. B. zu  Fuß, mit dem Bus, mit dem Pkw“.