P1060353

Potsdam parkt richtig

Massen an Fahrrädern und keine freien Fahrradbügel – wer bislang sein Rad am Potsdamer Hauptbahnhof abstellen wollte, hatte es nicht leicht. Vor allem Berliner Einpendler kämpfen mit dem Vandalismus. Ende November eröffnete nun endlich die Radstation – als erste mit ADFC-Qualitätssiegel in den neuen Bundesländern. VON PHILIPP POLL.

Rund zehntausend Menschen pendeln mit der Bahn täglich zwischen Berlin und Potsdam Hauptbahnhof, fahren morgens hin und abends zurück. Viele Potsdamer nutzen gerne das Fahrrad, um von zuhause zum Bahnhof zu kommen. Davon zeugen die Massen an Fahrrädern, die tagsüber an den Zugängen abgestellt werden. Auch die Berliner Einpendler, darunter viele Studenten, nutzen das Fahrrad gerne auf der letzten Meile. Allerdings standen ihre Räder bislang die Nacht und das Wochenende über unbewacht da. Kleinkriminelle sehen die abgestellten Räder offenbar als ihr öffentliches Ersatzteillager an und bedienen sich im Schutz der Dunkelheit, wenn sie nicht gleich das ganze Rad mitnehmen. Regelmäßig müssen Schrotträder entfernt werden. Diesem Missstand wollte die Stadt Potsdam etwas entgegensetzen. Die langersehnte Radstation öffnete Ende November.

P1060351

Massig Platz: Die Radstation kann bis zu 550 Fahrräder aufnehmen, darunter auch Lastenräder und Anhänger (Fotos: Nikolas Linck)

Radstation versus Fahrradparkhaus
Auf längeren Arbeitswegen ist das Fahrrad neben der Bahn ein wichtiger Baustein in einer nachhaltigen, stadtverträglichen Wegekette. Dazu ist es unverzichtbar, dass das Rad am Bahnhof sicher abgestellt werden kann, wie der ADFC schon lange fordert. Denn wer regelmäßig am Bahnhof ankommt und von seinem Rad nur noch das durchtrennte Schloss oder den Rahmen wiederfindet, steigt alsbald aufs Auto um. Fahrradboxen, Sammelschließanlagen, videoüberwachte Fahrradparkhäuser oder Radstationen sind Lösungen für das Problem. Letztere fordert der ADFC als Regellösung für Bahnhöfe, an denen besonders viele Radler parken wollen. Radstationen sind bewachte Fahrradparkhäuser mit persönlicher Betreuung und Services. Man kann dort sein Rad also nicht nur sicher unterbringen, sondern auch reparieren lassen, kann ein Leihrad mieten oder Regenklamotten kaufen. Die Marke »Radstation« gehört dem ADFC und wird nur an Fahrradparkhäuser verliehen, die auch die Qualitätsanforderungen an Stellplätzen, Services, Mindestöffnungszeiten usw. erfüllen (siehe Infos unten).

P1060364

Der Potsdamer Radverkehrsbeauftragte Torsten von Einem führt die Sicherheitsschleuse vor.

»Die Verbesserung des Fahrradparkens am Hauptbahnhof ist ein wichtiger Baustein der Radverkehrsstrategie der Landeshauptstadt Potsdam«, sagt der Potsdamer Radverkehrsbeauftragte, Torsten von Einem. »Wir hatten dabei von Anfang an das Ziel, eine Radstation mit Serviceangebot rund um das Fahrrad am Hauptbahnhof einzurichten, weil wir an diesem Standort einen sehr großen Bedarf sehen.« Wegen der kurzen Wege für Radfahrer und dem ebenerdigen Zugang hat sich die Stadt für den Standort am Ausgang Babelsberger Straße entschieden, auch wenn dieser nicht ganz die zu erwartende Kapazität abdecken kann. Hier nutzt die Stadt bestehende Räumlichkeiten eines Autoparkhauses, das ohnehin nicht ausgelastet war. So konnten 44 Autostellplätze in 550 Fahrradstellplätze umgewandelt werden. Tatsächlich kann man von der Radstation aus ins Parkhaus gucken. Ein Gitter trennt beide Bereiche voneinander. Die Anlage macht einen geordneten Eindruck und ist gut beleuchtet. Eine automatische Schleuse ermöglicht einen Zutritt rund um die Uhr. Rund 60 Boxen stehen zum Einschließen für Fahrradtaschen, Regenklamotten etc. zur Verfügung. Auch Akkus von Pedelecs oder E-Bikes können hier aufgeladen werden. Unter der Woche ist die Werkstatt von 7:00 bis 20:00 Uhr geöffnet, am Samstag ab 9:00 Uhr. »Die Werkstatt ist kompakt, aber wir können hier alle Arten von Reparaturen durchführen«, sagt Tom Sehrer, Betreiber der Radstation. Er ist in Potsdam kein Unbekannter. Mit seinem Unternehmen »Potsdam per Pedales« bietet er seit Jahren geführte Radtouren in und um die Landeshauptstadt an und verleiht im Sommer Fahrräder am Bhf. Griebnitzsee und am Hauptbahnhof. »In den 90er Jahren habe ich als Student in der vom ADFC initiierten Radausleihstation geschraubt, die in alten Bahnwaggons eingerichtet war«, erzählt er mit leuchtenden Augen. »Leider wurden beim Neubau des Bahnhofsgebäudes fahrradtechnische Belange so ziemlich komplett außer Acht gelassen. Weder wurde bezahlbarer Raum für einen Fahrradverleih geschaffen, noch vernünftige Zugangswege zu den Bahnsteigen. An Fahrradparkhäuser dachte damals erst recht niemand. Ich bin glücklich, dass die Stadt jetzt das Fahrradparken, den Service und den Radtourismus am Hauptbahnhof wieder unter einen Hut gebracht hat und ich die Radstation betreiben darf. «

P1060376

Betreiber Tom Sehrer und ein Mechaniker in der Werkstatt der Radstation.

Wann zieht Berlin endlich nach?
Eines steht fest – Sicherheit für Radfahrende ist nicht kostenlos zu haben. Die Stadt Potsdam hat rund 360.000 €, das Land Brandenburg 440.000 € an Investitionsmitteln für die Radstation aufgebracht. Die Nutzer müssen sich an den Betriebskosten beteiligen. Ein Tagesticket kostet 1 €, ein Monatsticket 10 €, ein Jahresticket 99 € (Studenten 79 €). In Nordrhein-Westfalen hat sich bereits in den 90er Jahren die Erkenntnis durchgesetzt, dass sicheres Fahrradparken für eine Stadt am Ende günstiger ist als die Alternativen (z.B. mehr Auto- und Busverkehr, Gesundheitskosten). Die Einsicht kommt nun auch bei den hiesigen Kommunen an. Bernau eröffnete 2013 sein Fahrradparkhaus, am Bahnhof Griebnitzsee wurden im letzten Jahr Fahrradboxen aufgestellt und auch in Berlin bewegt sich etwas. Nachdem der ADFC eine Diplomarbeit zu den Potenzialen von Radstationen in Berlin initiiert und betreut hat, konkretisieren sich nun Ideen für die Stationen Ostkreuz, Gesundbrunnen, Zehlendorf und Mexikoplatz. Am Bahnhof Pankow wurden erstmals modellhaft Doppelstockparker aufgestellt. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung hat einen Runden Tisch Fahrradparken ins Leben gerufen, an dem der ADFC die Interessen der Radfahrenden vertritt und zusammen mit Verwaltung und anderen Verbänden eine »Strategie Fahrradparken« erarbeitet. Erste Ergebnisse sollen auf der VELO Berlin vorgestellt werden. Wir werden weiter berichten.

Webseite der Radstation Postdam

 

Logo_Radstation-fuer-Infobox

 

 

ADFC-Qualtitätsanforderungen an eine Radstation

Wenn folgende ADFC-Anforderungen erfüllt sind, darf ein Betreiber seine Parkmöglichkeit Radstation nennen und das Logo verwenden:

  • witterungs- und diebstahlgeschützte Parkmöglichkeit für mindestens 100 Fahrräder
  • Vermittlung von Leihfahrrädern
  • Fahrrad-Reparaturservice
  • verbindliche Mindestöffnungszeiten für das Fahrrad-Parken Montag bis Samstag von 7:00–20:00 Uhr. Wenn ein automatisches Zugangskontrollsystem verwendet wird, reicht eine personelle Besetzung unter der Woche von 10:00–18:00 Uhr.
  • Wenn ein automatisches Zugangskontrollsystem verwendet wird, dürfen auch in Spitzenzeiten keine Wartezeiten auftreten. Schutz vor Diebstahl, Vandalismus und Belästigungen muss gewährleistet sein (z. B. durch Vereinzelung beim Zugang in Verbindung mit Videoüberwachung).