Mobil mit Kind und Kegel

Das Lastenrad hat die Variante Fahrrad plus Hänger abgelöst: Wenn es darum geht, mit dem Nachwuchs auf dem Fahrrad mobil zu sein, wollen die Berliner ihre Kinder nicht länger hinter sich herziehen. So manches Lastenrad lässt sich zudem in einen Kinderwagen verwandeln. Von CLAUDIA LIPPERT (Text) und KATRIN STARKE (Fotos)

Dietmar und Annika Erdmeier gefällt das Veleon-Lastenrad mit Neigetechnik und Windschutzscheibe, das Diplom-Ingenieur Julius Adomeit (rechts) entwickelt hat – ihren Kindern Henrik und Inga auch.

Dietmar und Annika Erdmeier gefällt das Veleon-Lastenrad mit Neigetechnik und Windschutzscheibe, das Diplom-Ingenieur Julius Adomeit (rechts) entwickelt hat – ihren Kindern Henrik und Inga auch.

Klar kann man nach wie vor Anhänger kaufen, um Kind, Hund oder Einkauf darin zu verstauen. Und natürlich gibt es weiterhin auch die Hartschalensitze für den Gepäckträger, in denen der noch etwas jüngere Nachwuchs hinter Mama oder Papa sitzt. Auf Berliner Straßen wandelt sich aber zunehmend das Bild. Immer häufiger nehmen die Knirpse nicht hinter, sondern vor den Eltern Platz, wenn sie in die Kita chauffiert werden. Auch wenn die Kleinen natürlich keine Last sind: Sie werden aufs Lastenrad verfrachtet. Ein Umstand, den sich die Hersteller zu Nutze machen – indem sie multifunktionale Lastenräder auf den Markt bringen, auf denen der Wochenendeinkauf ebenso problemlos zu transportieren ist wie Sohn und Tochter. »Als unser Großer ins transportfähige Alter kam, hatten wir noch einen Anhänger«, erinnert sich Gertrud Meister, Besucherin auf der Berliner Fahrradmesse Velo. »Aber schon damals hat mich gestört, dass ich ihn beim Radeln nicht dauerhaft im Blick habe.« Sohn Benjamin ist inzwischen zwölf, der Hänger längst verkauft. Als vor drei Jahren Schwesterchen Laura zur Welt kam, entschieden sich die Meisters, ein Lastenrad anzuschaffen. Ein dreirädriges. »Sonst hätte ich mich unsicher gefühlt«, sagt Gertrud Meister. Ob sie mit Rückenwind aus der Steckdose unterwegs ist? Die 39-Jährige schüttelt den Kopf. Auf ihrem Babboe kommt sie ohne Motor aus. Im Gegensatz zu den Modellen des holländischen Herstellers, die während der Bundesgartenschau im Havelland von der Fahrradstation vermietet werden. Darin finden allerdings auch bis zu vier Kinder Platz.

Ob es Jacob Rohrer ist, der mit seinem »Little Big Cargo« in Prenzlauer Berg erst neu am Start ist, oder Gaya Schütze, die im Kreuzberger Mehringhof seit Jahren Christiania-Lastenräder verkauft: Beide stellen fest, dass die Berliner nicht nur Sack und Pack, sondern auch Kind und Kegel vor sich her schieben möchten. Was Diplom-Ingenieur Julius Adomeit bei den gängigen Modellen aber immer noch störte: dass sie ein wenig sperrig daherkamen. »Jeder, der schon mal ein dreirädriges Lastenrad gefahren ist, weiß, wie gewöhnungsbedürftig das ist«, so der 37-jährige Berliner. Er fragte sich, wie wohl ein Lastenfahrrad fahren würde, das sich in die Kurve legen kann. Fünf Jahre lang bastelte und tüftelte er, jetzt stellte er zur Velo in den Messehallen unterm Funkturm sein Veleon mit Neigetechnik vor. Das Vorderteil ist abnehmbar, verwandelt sich mit Stützrad in einen Kinderwagen. Und: Weil Adomeit bislang eher Komponenten für die Automobilindustrie entwickelte, überlegte er sich, wie Babyschalen und Kindersitze fürs Auto im Lastenabteil des Veleon montiert werden könnten. »Das geht mit einem Handgriff – so fahren auch Babys sicher mit«, erklärt er. Velo-Besucher Dietmar und Annika Erdmeier gefällt das flotte Dreirad: Sie lassen ihre Kinder Inga (3) und Henrik (5) schon mal Probe sitzen. Besonders die Plexi-Windschutzscheibe finden sie gut. Da sind die Kinder geschützt und haben Durchblick. Wenn die Komponenten fürs Veleon auch aus Asien kommen: Endmontiert wird das Ganze in Berlin.


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