Mit dem Rollfiets durch die Welt

Dank seines »Rollfietses«, einer Kombination aus einem Rollstuhl und einem Fahrrad, kann Julian Wos die Welt bereisen. Um das zu ermöglichen, hat sein Vater Manfred aus dem alten ein neuartiges Fahrzeug entwickelt. Eine Fahrt mit einem Verkehrsmittel der Zukunft. TEXT UND FOTOS VON JOSTA VAN BOCKXMEER

Manfed Wos und Sohn Julian unterwegs an der Spree

Während er am Spreeufer entlangfährt, hat Julian Wos eine gute Sicht auf das Haus der Kulturen der Welt  und das Regierungsviertel; der Hauptbahnhof ist gleich um die Ecke. Eine passende Umgebung für jemanden, der schon viele Länder mit dem Fahrrad bereist hat. Selbstverständlich ist das nicht, denn der 30-Jährige, der seine dunkelblonden Haare in einem Irokesenschnitt trägt und eine freundliche Ausstrahlung hat, ist spastisch gelähmt und seit seiner Kindheit auf einen Rollstuhl angewiesen. Seine Reisen ermöglicht ihm sein ‚Rollfiets‘, eine Kombination aus einem Rollstuhl und einem Fahrrad. Das Rollfiets – ‚fiets‘ heißt auf Niederländisch ‚Fahrrad‘ – gleicht etwa einem Lastenfahrrad, nur, dass sich vorne statt eines Kastens ein Rollstuhl befindet. Auf dem Fahrradsattel sitzt Julians Vater, Manfred Wos. Wenn er in die Pedale tritt, steuert ein Elektromotor bei, damit das Rollfiets auch mit zwei Personen leicht bergauf fährt. Bei einem Biergarten koppelt Manfred das hintere Fahrradteil vom Rollstuhl ab und schließt es an. Im Rollstuhl nimmt er Julian mit auf die Terrasse.

Seit er das Rollfiets 1995 bekommen hat, hat sich Julians Leben geändert: »Ich kann längere Ausflüge unternehmen, ohne auf ein Auto oder andere Verkehrsmittel angewiesen zu sein.« Mit seinen Begleitern machte er bereits Fahrradtouren durch Tschechien, Ungarn Spanien, Portugal und auf den Kanaren. In Berlin nimmt er regelmäßig an der Critical Mass teil, und auch bei der ADFC-Sternfahrt war er dabei. Statt bloß eines Rollstuhls mit Fahrradantrieb ist das Rollfiets für Julian also ein Langstreckenrad. Dabei geht es auch mal abenteuerlich zu: Bergab erreicht das Rollfiets Geschwindigkeiten von bis zu vierzig Kilometer pro Stunde. Zwischen seinen Urlaubsfotos befindet sich etwa eins, auf dem er samt Rollfiets an einem Steinstrand in Portugal sitzt. Der zwanzig Jahre alten Technik ist das manchmal zu viel. »Weil ich das Fiets ja auch für größere Reisen benutze, gibt es immer wieder Probleme wie Rahmenbrüche, gebrochene Speichen und so weiter.« Er wünscht sich also, »dass die Rollfietse stabiler und langstreckentauglicher gebaut wären.«

Dank der selbstgebauten Kupplung kann der Rollstuhl
vom Fahrrad gelöst und eigenständig verwendet werden.

Eigene Innovationen
Ohne die Verbesserungen, die Manfred am Rollfiets durchgeführt hat, wären Julians Abenteuer nicht möglich gewesen. Hergestellt werden die Rollfietse von HUKA, einem Unternehmen für spezielle Fahrräder, Scootmobils und andere Mobilitätslösungen. Doch das Rollfiets, mit dem Julian durch die Welt reist, gleicht mittlerweile eher einer Neuerfindung als dem Modell, das er 1995 aus Lottomitteln gesponsort bekam. Und Manfred, der pensionierter Elektroingenieur ist, arbeitet beständig daran weiter. Vor allem eine Reise, die über den Jakobsweg von Lissabon nach Madrid führen sollte, wurde eine Enttäuschung: Nach drei Tagen war der Rahmen gebrochen und der Motor verschlissen. Manfred gab aber nicht auf. Er baute das Rollfiets erneut auf, mit einem neuen Motor, und veränderte es in ein komplett an Julian angepasstes, neuartiges Fahrzeug. Er steht auf, um seine Verbesserungen am Rollfiets zu zeigen: Den alten Plastiksitz etwa, der unbequem war und zu sehr an Sanitätshäuser erinnerte, hat er durch einen flexibleren aus einem alten Gartenstuhl und zwei Gehhilfen ersetzt. Unter den Sitz baute er robuste Federn ein, um das Ruckeln auf steinigen Wegen zu verringern. Die Fußstütze ist aus gepresstem Holz, und auch die Verbindung zwischen dem Rollstuhl und dem Fahrrad hat Manfred selbst erneuert.

Rollfietse in Deutschland immer beliebter
Problematisch ist für Julian und Manfred, dass sie für die teilweise teuren Reparaturen selbst aufkommen müssen. »Das Rollfiets wird nur in sehr seltenen Fällen finanziert und auch die teuren Reparaturen werden nicht von einer Krankenkasse übernommen«, sagt Julian. Das führe Manfred und Julian zufolge dazu, dass nur wenige Menschen ein Rollfiets verwenden, obwohl es für viele eine ganz neue Lebensweise ermöglichen könnte. Das Rollfiets ist zwar offiziell als Hilfsmittel anerkannt, sagt Fabian Kessels vom Hersteller HUKA Deutschland. Aber von den siebzig bis achtzig Rollfietsen, die pro Jahr in Deutschland verkauft werden, erstatten die Krankenkassen ihm zufolge nur rund fünf Exemplare. Um das einigermaßen zu kompensieren, bietet HUKA eine Ratenzahlung an, bei der der Gesamtpreis des Rollfietses gleich bleibt. Auch ist es möglich, ein Rollfiets für längere Zeit zu mieten. An der Begeisterung der Kunden liege es auf jeden Fall nicht: »Das Interesse ist riesig«, sagt Kessels. HUKA arbeite außerdem an einem neuen Rollfietsmodell, so Kessels. Die neue Ausführung sollte unter anderem einen besseren und günstigeren Antrieb bekommen. Für die Entwicklung des neuen Modells habe das Unternehmen bisherige Rollfietseigentümer gebeten, ihre Verbesserungswünsche einzureichen. Auch Manfred hat eine Liste mit Vorschlägen geschickt. HUKA versuche außerdem, ihr Produkt an Fahrradhändler heranzutragen. In den Niederlanden, dem Herkunftsland des Unternehmens, sind die Rollfietse schon länger in einigen Fahrradläden erhältlich.

Ein E-Motor unterstützt das Rollfiets.

Vielleicht geht Manfreds und Julians Wunsch also irgendwann in Erfüllung und das Rollfiets wird zu einer vertrauten Erscheinung im Stadtbild. Bis dahin arbeitet Manfred an weiteren Innovationen für das Rollfiets. Er zeigt etwa Fotos vom Regenschutz, den er gerade für das Rollfiets entwirft. Eine nächste Reise hat er noch nicht geplant, sagt Julian. Doch wenn er mit Manfred entlang der Spree zurückfährt, scheint kein Zweifel daran zu bestehen, dass bald eine folgen wird.