Lastenräder im Wirtschaftsverkehr: entlastend für Stadt und Mensch

Auf sieben Touren in Berlin setzt DHL Parcycles ein und demnächst auch das Liegerad, das Cubicycle. © DHL

Material, das in einer Fabrik von A nach B geschafft wird. Waren, die zum Kunden müssen. Zentnerschweres Werkzeug, das Handwerker auf der Baustelle brauchen. Transportiert wurde das früher ganz selbstverständlich mit dem Fahrrad. Bis das Auto das Rad als Nutzfahrzeug beinahe verdrängte. Mittlerweile hat ein Umdenken stattgefunden – das Lastenrad im Wirtschaftsverkehr ist schwer im Kommen.

Von CLAUDIA LIPPERT und KATRIN STARKE

Joachim Mull transportiert sein Werkzeug per Lastenrad – und nach Feierabend seine Sambatrommeln. © Starke und Lippert

Joachim Mull hievt die Werkzeugkiste in die robuste Alu-Box, die er vorn auf sein Lastenrad montiert hat. Daneben kommen die Bohrmaschine, die Schleifmaschine, der Schraubenkoffer, zu guter Letzt der Staubsauger für die Späne. »100 Kilo sind das sicher«, schätzt der Tischler, »und wenn ich Bretter transportieren muss, schnalle ich die mit Spanngurten oben drauf«. Als sich der 55-Jährige vor drei Jahren mit seinem Möbelmontage- und Reparaturservice selbstständig machte, stand für ihn fest: Das Dienstfahrzeug würde ein Lastenrad sein. Größtenteils ist Mull in seinem Kiez in Kreuzberg unterwegs. Die Fahrt zum Kunden – meist nicht länger als vier Kilometer. »Mit dem Rad kann ich bis in die Innenhöfe fahren. « Als er noch angestellt war und mit dem Werkstatt-Transporter unterwegs war, habe er meist in der zweiten Reihe parken müssen. Die Parkplatzsituation in der Innenstadt sei ja gelinde gesagt »ungünstig«.

»Ich entlaste Städte« – 150 neue Bikes bis 2019

Pedalpower-Chef Michael Schönstedt (links) kontrolliert mit Azubi Martin Günther noch mal die Dreiräder fürs Projekt »Ich entlaste Städte«, die dieser Tage ausgeliefert werden. © Starke und Lippert

Als Existenzgründer wollte sich Mull nicht in zu große Kosten stürzen. Sein »Berliner Lastenrad« braucht nur ab und an eine Inspektion. Dann bringt er es zu Pedalpower. In der Werkstatt der Lastenrad-Konstrukteure zieht Azubi Martin Günther gerade noch mal die Schrauben nach an den Dreirädern mit den weißen Boxen. »Ich entlaste Städte« steht in großen Lettern darauf. »Das Nachfolgeprojekt von ,Ich ersetze ein Auto‘«, informiert Michael Schönstedt, einer der beiden Pedalpower-Inhaber. »Da sind wir mit fünf Rädern mit im Pool.« Das Projekt »Ich entlaste Städte«, vom Institut für Verkehrsforschung im Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ins Leben gerufen und vom Bundesumweltministerium unterstützt, stellt bundesweit Firmen und öffentlichen Einrichtungen Lastenräder zur Verfügung. 150 Cargobikes, 15 verschiedene Modelle, können Testfahrer drei Monate lang ausprobieren. Bewerbungen sind bis Mitte 2019 möglich. Schönstedt freut sich, dass Pedalpower als Ausrüster mit dabei ist, denkt aber schon weiter. Mit der Universität Magdeburg feilt er an einem neuen Transportrad mit Neigetechnik und Elektroantrieb. Die Lichtenberger Konstrukteure entwickeln das Rad, die Uni liefert ein standardisiertes Aufnahmesystem, das jeder Hersteller auf sein Rad bauen kann. 2018 soll das Projekt abgeschlossen sein. Parallel ist Schönstedt dabei, ein offenes Lastenradkonzept mit dem Bezirksamt Lichtenberg zu realisieren. Anwohner sollen sich ein Lastenrad ausleihen können, nachdem sie sich via App registriert haben – prinzipiell kostenlos. »Auf Spendenbasis, um Reparaturen zu finanzieren«, erklärt Schönstedt.

Da fährt auch der Azubi ohne Führerschein

Nutzer von den Vorteilen eines Cargobikes zu überzeugen, haben sich auch die Aktivisten des Berliner Verleihsystems Velogut auf die Fahnen geschrieben. Sie haben ein Modellprojekt gestartet, bei dem sie Unternehmen Lastenräder kostenlos für ein bis drei Monate zur Verfügung stellen. Unterstützt wird das aus dem Programm »Klimaschutz und Radverkehr« des Bundesumweltministeriums. »Wir stellen die Räder, das Ministerium übernimmt die Auswertung«, sagt Projektleiterin Cora Geißler von Velogut. 30 Lastenräder mit verschiedenen Aufbauten stellt der Verleiher zur Verfügung, 150 Unternehmen können testen. Schon beim Probelauf im Februar meldete sich der Kreuzberger Schornsteinfegermeister Norbert Skrobek an. »Oft müssen wir nur 500 bis 2000 Meter fahren, nehmen das Auto nur wegen des Materialtransports«, sagt er. Das Lastenrad sei für diese kurzen Wege eine schnelle Alternative. Außerdem könne er auch seinen Azubi damit losschicken, der noch keinen Führerschein hat. Nächstes Frühjahr werde er sich »definitiv ein Lastenrad anschaffen«. Nicht nur er: »Auch Kollegen aus der Innung.«

Den Schornsteinfeger Skrobek hat der Velogut-Test überzeugt. Nur für den Winter findet er das Lastenrad nicht ganz so geeignet, deswegen kauft er sich erst im Frühjahr eines. © IHK Berlin

Bei »VinoVelo« kommen auch die Kunden mit dem Rad

Im Mai ist das Velogut-Projekt richtig an den Start gegangen. Ina Eichhorn hat sich kürzlich beworben, will ein E-Cargobike testen. Als Berlinerin mit Pfälzer Wurzeln beliefert sie die Hauptstädter mit Weinen von pfälzischen Familienbetrieben. Anfangs war die Klein-unternehmerin mit ihrem Holland-Rad unterwegs, »da passen zwölf Flaschen in die Gepäcktaschen«. Mittlerweile nutzen sie und ihr Mann meist den betagten Long John, den ihr Mann wieder aufgemöbelt hat. Auch Abholer kämen häufig mit dem Rad zu ihr. »Das muss ich doch bei Ihnen«, habe ihr kürzlich ein Kunde gesagt. Ihr Start-up hat Eichhorn »VinoVelo« genannt.

Die Kritiker vom Lastenrad überzeugen

Ina Eichhorn vom Start-up VinoVelo liefert nur per Rad an ihre Kunden aus: »Das stinkt nicht, macht keinen Krach, macht einfach Spaß.« © privat

Fast 80 »Probanden« hat Velogut mittlerweile. Vom Glaser über den Schlüsseldienst bis zur Palliativmedizinerin in Diensten der Björn-Schulz-Stiftung. Bislang sei sie mit ihrem Notfallkoffer oft auf einem »normalen« Fahrrad unterwegs, sagt Kinderärztin Dr. Kerstin Lieber. Die Untersuchungsgeräte seien aber zu schwer für Gepäcktaschen oder Rucksack. Vom Lastenrad ist sie jetzt schon überzeugt. »Klar geht das nicht bei jedem Wetter, aber bis zu 200 Kilometern pro Woche bin ich damit unterwegs «, sagt Lieber. »Beim Radfahren kriege ich zwischen den Hausbesuchen den Kopf frei.« Und: »Von Pankow bis zum Alex war mein Mann mit dem Auto gerade mal zehn Minuten schneller. « Gibt es wirklich mal ein Problem mit dem Rad, kommt der mobile Wartungsdienst von Velogut. Bis Juni 2018 läuft das Projekt. »Wir wollen an die Klientel ran, die bislang gegenüber dem Lastenrad eher kritisch eingestellt ist«, erklärt Cora Geißler. »Es geht nicht um den Test, welches Rad in der Stadt geeignet ist, sondern welcher Kunde drauf passt.« Da denke man »an den Pflegedienst, der zur Oma in den Kiez« fahre. Nicht zuallererst an den Logistiker. Der habe das Lastenrad eh entdeckt.

Das Kühlrad als ein echter Zugewinn

Wie City-Logistiker Velogista, der Waren von seinen Verteilzentren an der Adalbertstraße und der Beusselstraße aus innerhalb des S-Bahn-Rings zustellt. Zwei weitere Hubs sind in Planung – in Prenzlauer Berg und Schöneberg. »Damit die Strecken kürzer werden«, sagt Mitarbeiterin Miriam Gieseking. Derzeit transportiert das 2014 gegründete Start-up auf Touren zwischen 15 und 25 Kilometern Länge auf seinen E-Lastenrädern Speditionsgut und Bürobedarf, Blumen, Zeitschriften, Ökokisten, Kaffee. Bis zu 250 Kilogramm können die Kuriere auf ihren Rädern zuladen. Aber nicht immer sind sie mit so schwerer Fracht unterwegs. Die Entwicklung gehe zur »Atomisierung der Sendung«, sagt Velogista-Gründer Martin Seißler. Sendungen würden immer kleiner, sollten immer schneller zugestellt werden. »Da haben wir als Rad-Logistiker das passende Fahrzeug für jede Sendung. « Seit wenigen Wochen hat Velogista ein Rad mit aktiver Kühlung im Einsatz, das das Start-up mit einem Kühlfahrzeughersteller selbst entwickelt hat. Das Kühlrad sei ein »großer Zugewinn «, sagt Seißler. »Jetzt können wir fürs Ökodorf Brodowin Milch, Obst und Gemüse ausliefern«, erklärt Mitarbeiterin Gieseking. Gemeinsam mit Studenten der Technischen Universität Berlin tüftelt Velogista zudem daran, Ware ohne Unterbrechung
der Kühlkette auch mit passiver Kühlung transportieren zu können – also ohne die Stromquelle zur Kühlung immer mitführen zu müssen.

Derzeit sind neun Velogista-Räder in Berlin unterwegs. Langfristig sollen es über 100 werden, plant Firmengründer Martin Seißler. © Velogista/Buschmeier

Im November soll das Cubicycle nach Berlin kommen

Auch bei der Deutschen Post hat man erkannt, dass Lastenräder beim Zustellen und Abholen von Express-Sendungen eine gute Alternative sind. Im innerstädtischen Verkehr seien Fahrradkuriere generell flexibler als Transporter. »Sie kommen im Vergleich zu Zustellfahrzeugen pro Stunde auf bis zu doppelt so viele Auslieferungen«, rechnet Anke Blenn aus der Berliner Pressestelle der Deutsche Post DHL Group vor. Ende Mai hatte DHL Express ein Pilotprojekt zum Einsatz von Lastenrädern abgeschlossen und den Regelbetrieb gestartet: Auf sieben Touren in Mitte, Friedrichshain, Kreuzberg und Prenzlauer Berg setzt DHL Parcycles ein – Lastenräder mit Transportboxen unterschiedlichen Fassungsvermögens, 160, 185 und 210 Liter. Voraussichtlich ab November wird es ein weiteres Novum von DHL Express auf Berlins Straßen geben: ein Lastenrad mit Liegesitz und Containerbox dahinter. Damit werde Berlin nach Frankfurt die zweite Stadt in Deutschland sein, in der ein Cubicycle unterwegs sei. Die Box fasse Sendungen bis zu einem Kubikmeter Volumen und 125 Kilogramm, erklärt Markus Reckling, Managing Director bei DHL Express Deutschland. Starten wird das Cubicycle vom City-Hub in Mitte aus – einem Containerdepot, an dem auch die Touren der DHL-Parcycles beginnen und enden. »So ein City-Hub kann bis zu zwei Zustellfahrzeuge ersetzen«, hebt Reckling hervor. Dadurch würden pro Jahr 16 Tonnen Kohlendioxid vermieden.

Senatsverwaltung setzt für die letzte Meile auf KoMoDo

Auch der Senat will durch die Einrichtung von Mikrodepots erreichen, dass noch mehr Verkehre aufs Lastenrad verlagert werden. »KoMoDo« nennt sich das zentrale Vorhaben des Landes
Berlin, das vom Bundesumweltministerium gefördert werden soll. KoMoDo steht für »Kooperative Nutzung von Mikro-Depots durch die KEP-Branche für den nachhaltigen Einsatz von Lastenrädern in Berlin«. KEP heißt Kurier – Express – Paket. »Es sollen Mikro-Depots errichtet werden, die die beteiligten Unternehmen gemeinsam nutzen, um die Belieferungen ,auf der letzten Meile‘ mit Lastenrädern durchzuführen«, erläutert Dorothee Winden von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Neben dem Senat und Hafen-Logistiker Behala gehören die sieben größten deutschen KEP-Dienstleister dem Konsortium
an: DHL, DPD, Hermes, GLS, TNT, UPS und GO! Auf 18 Monate ist das Pilotprojekt ausgelegt. Wann es startet, ist noch ungewiss. »Der Antrag liegt dem Ministerium derzeit zur finalen Begutachtung vor«, so Winden. Wie viele Lastenräder derzeit im Berliner Wirtschaftsverkehr unterwegs seien, kann sie nicht sagen. »Das wird in keiner Statistik erfasst.« Auf jeden Fall
seien sie im Stadtbild seit einiger Zeit stärker sichtbar. Zwar sei das Lastenrad »nicht in jedem Bereich des Wirtschaftsverkehrs, nicht auf jeder Tour oder für jede Ware die geeignete Alternative «, meint Verkehrssenatorin Regine Günther. »Doch vieles lässt sich mit Lastenrädern sinnvoll transportieren. Dieses Potenzial gilt es zu nutzen.«

Kaufanreiz schaffen per Finanzspritze

»Wenn es der Senat ernst meint mit dem Lastenrad, dann muss er die Radwege breiter machen«, sagt Michael Schönstedt von Pedalpower. Außerdem müsse die Anschaffung von gewerblichen Cargobikes finanziell unterstützt werden, fordert Lastenrad-Blogger Arne Behrensen von cargobike.jetzt. Er verweist auf Baden-Württemberg und das Saarland, wo Gewerbetreibende eine Finanzspritze bekommen, wenn sie sich ein E-Lastenrad zulegen. Oder auf Städte wie München, Mannheim oder Regensburg. In der Berliner Koalitionsvereinbarung sei so eine Kaufprämie doch auch vereinbart. Die Mittel seien für den nächsten Doppelhaushalt beantragt, bestätigt Senatssprecherin Winden. Mitte 2018 solle auch das »Integrierte Wirtschaftsverkehrskonzept« vorliegen. Darin werde das Lastenrad explizit eine Rolle spielen.

Palliativmedizinerin Kerstin Lieber (Mitte): »Beim Radfahren kriege ich zwischen den Hausbesuchen den Kopf frei.« © AMB Cycles

Umstieg fällt Unternehmen noch nicht leicht

Noch hinke Berlin hinterher, sagt Michael Schönstedt. »Viele unserer Aufträge kriegen wir aktuell aus München.« Der Pedalpower-Mann ist überzeugt: »Wir sind beim gewerblich genutzten Lastenrad erst ganz am Anfang der Geschichte. Da ist noch irrsinnig viel Luft nach oben.« Die Studie zum Einsatz von Fahrrädern im Wirtschaftsverkehr, die das DLR im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums im vorigen Jahr veröffentlichte, sei noch ziemlich konservativ in ihrer Prognose, meint Velogista-Gründer Seißler. »Die kommen auf 33 Prozent Verlagerungspotenzial.« Während die European Cycologistic Federation davon ausgehe, mehr als die Hälfte des gesamten Verkehrs – Fracht und Personen – mit Lastenrädern abwickeln zu können. »Für den Anfang sind 50 Prozent ja nicht schlecht«, sagt Seißler. »Aber wir sagen: 80 Prozent sind möglich.« Bei den Studien sei noch nicht berücksichtigt worden, dass auf Lastenrädern der neuen Generation ganze Europaletten befördert würden. Der Markt sei riesig. Obwohl der Umstieg auf eine neue Logistiklösung vielen Unternehmen noch nicht leicht falle. »Aber das hat auch viel mit politischem Willen zu tun«, sagt Seißler.