Im Dschungel

Neulich haben zwei Exemplare der Gattung Gemeiner Trampel meinen Weg gekreuzt. Ich war gerade auf dem Weg ins Büro, als sie mit ihrem Mercedes in einer Rechtskurve so nah an mir vorüberzogen, dass der Abstand zur Gehsteigkante immer enger wurde, bis ich schließlich scharf abbremsen musste. VON KAI SCHÄCHTELE

Als ich das Männchen an der nächsten Ampel durchs offene Beifahrerfenster darauf hinwies, dass es mich beinahe vom Rad geholt hätte, sah es mich an und sagte – nichts. Stattdessen rief das Weibchen: „Leute wie Sie haben auf der Straße ja auch nichts verloren.“ „Leute wie Sie“ – was mag sie damit gemeint haben? Menschen, die es nicht für den Höhepunkt der Evolution halten, sich in etwas fortzubewegen, auf dessen Hutablage ein zwanzig Zentimeter großes Plüschschwein steht? Vielleicht Menschen, für die Autofahrerhosen nicht den Inbegriff von Komfort und Eleganz bedeuten? Oder Menschen, die die Straße für einen öffentlichen Raum halten, der allen gehört. Und nicht nur den Autofahrern, die in ihrem Leben zum letzten Mal auf einem Rad gesessen haben, als Roy Black noch Coverboy der „BrEvolutionsstufen Radfahreravo“ war?

Es war einer dieser Momente, die zeigen, dass auf unseren Straßen formal die Straßenverkehrsordnung das Miteinander regeln mag. Tatsächlich aber geht es zu wie im Dschungel, in dem viele Autofahrer mit der Überzeugung unterwegs sind, dass sie nur laut genug auf ihrer Brust trommeln müssen, dann werden die Radfahrer schon aus ihrem Territorium verschwinden. Das liegt wahrscheinlich auch an Männern wie Matthias Wissmann. Für den Präsidenten des Verbandes der Automobilindustrie ist jeder Autofahrer offensichtlich ein Botschafter des Programms „Rettet den Urwald“. In der jüngsten Ausgabe des Greenpeace-Magazins antwortete er auf die Frage, ob die vordringlichste Aufgabe der Hersteller gerade von großen Limousinen nicht die Entwicklung von CO₂-sparenden Modellen sei: „Jeder, der gegen Premium Stimmung macht, sollte wissen, wie wichtig solche Fahrzeuge für unseren Wohlstand und den Standort Deutschland sind.“ Bestimmt sind auch solche Aussagen der Grund dafür, dass viele Autofahrer glauben, die Straße gehöre ihnen allein.

Dabei haben wir Radfahrer die viel älteren Rechte. Firmen wie Peugeot oder Opel, die heute für reine Automarken gehalten werden, haben als Fahrradbauer begonnen. Von Adam Opel selbst etwa stammt der Satz: „Bei keiner anderen Erfindung ist das Nützliche mit dem Angenehmen so innig verbunden wie beim Fahrrad.“ Als zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die ersten Autos anrollten, wurden sie mit großer Skepsis beäugt. Straßen waren öffentliche Räume, die Fußgängern, Kutschen und Radfahrern vorbehalten waren. Autos galten als Eindringlinge in eine bis dahin heile Welt, in der die Menschen höflich den Zylinder abnahmen, wenn sie einander begegneten. Als die Unfallzahlen wegen des zunehmenden Autoverkehrs nach oben schnellten und dabei zunehmend Kinder ums Leben kamen, kam große Wut auf. In den Zeitungen wurden Hinweise veröffentlicht, was man tun könne, um zwischen den Autos noch heil über die Straße zu kommen. So wie der eines gewissen Sic Semper Tyrannis, der 1923 im „St. Louis Star“ beschrieb, wie er vorging: „Wenn du eine Kreuzung betrittst, guck nach links, zieh deine Waffe aus dem Halfter und ziele auf den ersten Fahrer, der auf dich zukommt. Wenn du auf der Mitte der Straße angekommen bist, ziele auf den ersten, der aus der anderen Richtung kommt.“

Im Laufe der Jahre veränderte sich die Stimmung allerdings. Nun galten Autoskeptiker als Fortschrittsverweigerer. Und zugleich änderte sich auch die Sicht auf die Straße: Es waren nicht mehr die neuen und starken Autofahrer verantwortlich, wenn etwas passierte; vielmehr hieß es, Fußgängern oder Radfahrer hätten wohl nicht genug aufgepasst. Viele Fahrradhersteller schwenkten um aufs Auto, weil sich dort bessere Geschäfte machen ließen. Das Auto stieg auf zum König des Verkehrs und das Rads ab zu einem Verkehrsmittel der armen Leute und Spinner, die auf der Straße nichts verloren haben. Im Jahr 1937 schließlich wurde in die Reichs-Straßenvekehrs-Ordnung eine Benutzungspflicht für Radwege aufgenommen. Zwar war sie noch um die Anmerkung ergänzt, dass die Pflicht nur gelte, „soweit der Sonderweg zur Aufnahme des Sonderverkehrs ausreicht“. Aber im Grunde war damit die Vertreibung des Fahrrads von der Straße besiegelt und der Samen gelegt für einen Konflikt, der bis heute andauert. Im gleichen Maße, wie Autofahrer die Straße für sich beanspruchen, fühlen sich Radfahrer um ihre Rechte geprellt.

Ich finde, dagegen müssen wir etwas tun. Alle gemeinsam. „Ich finde, wir sollten uns mal unterhalten“, sagte ich deshalb zu dem Trampelpärchen, das noch immer neben mir an der roten Ampel wartete. „Wissen Sie, dass die Straße früher…“ Da sprang die Ampel auf Grün, das Männchen gab Gas und weg waren die beiden. Man sollte sich davon aber nicht entmutigen lassen. Die Straßen Roms wurden auch nicht an einem Tag erbaut.


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