Hinter Schloss und Bügel

Karikatur-OL-Radzeit_SchlossDie Berliner Polizei solle sich ein Beispiel an den Ordnungshütern in San Francisco nehmen, fordert der Piraten-Abgeordnete Andreas Baum. Die setzen zur Diebstahlsbekämpfung auf »Köder-Fahrräder« mit GPS-Sender. Aber nach wie vor gilt: Der beste Schutz ist ein solides Schloss. VON CLAUDIA LIPPERT UND KATRIN STARKE

Fast 340.000 Räder sind 2014 bundesweit als verschwunden gemeldet worden, mehr als 30.000 waren es in Berlin. Die Dunkelziffer dürfte erheblich höher sein. Denn die Aufklärungsquote der Polizei liegt im einstelligen Bereich – weshalb viele den Verlust erst gar nicht anzeigen. Ähnlich in San Francisco. Die kalifornische Metropole zählt zu den Radfahrer-Hochburgen im sonst eher aufs Auto fixierten Amerika. Um Raddieben das Handwerk zu legen, hat die Polizei von San Francisco »Bait Bikes« auf den Straßen abgestellt – mindestens 1.500 Dollar teure Edel-Velos, ausgerüstet mit GPS-Sendern. Meldet so ein Sender, dass sich der Standort eines Attrappen-Fahrrads verändert, folgen Fahnder dem Signal und die Falle schnappt zu. Grundsätzlich stehe man innovativen technischen Maßnahmen zur Kriminalitätsbekämpfung aufgeschlossen gegenüber, antwortete Innenstaatssekretär Bernd Krömer auf die parlamentarische Anfrage von Andreas Baum. Aber Kosten und Nutzen müssten abgewogen werden.

Mehr Fahndungsdruck aufbauen

»Städte wie München und Magdeburg zeigen, dass deutlich höhere Aufklärungsquoten als die durchschnittlichen zehn Prozent möglich sind, wenn man das Problem Radklau ernst nimmt«, sagt ADFC-Bundesvorsitzender Ulrich Syberg. Seine Forderung: Die Polizei müsse mehr Fahndungsdruck aufbauen. »Sie sollte mehr Ermittler einsetzen – und beispielsweise mit Beamten in Zivil Fahrradabstellplätze an Bahnhöfen überwachen.« Nicht zuletzt müssen die Radbesitzer selbst den Dieben das Leben schwer machen. »Jedes sechste geklaute Rad war nämlich nicht angeschlossen.«

Kettenschloss allein

So lieber nicht: Die meisten Diebstahlversicherungen zahlen nur, wenn das Rad an einem festen Gegenstand angeschlossen wurde.

Den besten Schutz bieten immer noch gute, hochwertige Schlösser, denn Diebe stehen unter Zeitdruck. Je länger sie mit Bolzen- oder Seitenschneider, mit Säge oder Hammer an einem Schloss herumhantieren, desto größer ihr Risiko, erwischt zu werden. Oft seien Gelegenheitsdiebe am Werk, sagt Torsten Mendel vom Schlosshersteller Abus. »Wenn die auf den ersten Blick sehen, dass viel Arbeit auf sie zukommt, suchen sie sich einfachere Ziele.« Langfinger nähmen sich meist maximal drei Minuten Zeit, um ein Schloss zu knacken.

Die Qual der Wahl

Testberichte von Verbraucherschützern und Fachmagazinen ebenso wie von Vergleichsportalen im Internet kommen regelmäßig zum gleichen Ergebnis: Am widerstandsfähigsten seien Bügelschlösser. Auch bei Fahrradhändlern gelten sie meist als erste Wahl, wenn es darum geht, hochwertige Räder abzusichern. Sie böten guten Schutz gegen »brutale und intelligente Öffnungsmethoden«, heißt es beim pressedienst-fahrrad. »Ideal für Pendler, deren Rad lange Zeit im unsicheren Umfeld steht.« Nachteil: Die U-förmigen Bügel sind starr und oft zu kurz, um das Velo nicht nur ab-, sondern es auch an Laternen- oder Schilderpfosten anzuschließen. Und das möglichst noch mit Rahmen und Vorder- oder Hinterrad.
Der klare Sieger in Sachen Flexibilität ist ein Kettenschloss. Das lässt sich ebenso locker um einen Fahrradständer wie um die Pfeiler eines massiven Metallzauns wickeln. Nachteil: Die Stahlketten eines solchen Schlosses haben ihr Gewicht. »Solide Kettenschlösser wiegen in der Regel über ein Kilo«, weiß Gunnar Fehlau vom pressedienst-fahrrad. Das Faltschloss kombiniert nach Herstellerangaben die Flexibilität eines Kettenschlosses mit der Stabilität eines Bügelschlosses. Tests würden dies belegen und hätten das Faltschloss zum »Liebling ambitionierter Alltagsradler gemacht«, sagt Fehlau. Ärgerlich nur, dass man sich mit dieser Schlossvariante ohne schützende Gummierung nicht selten den Lack zerkratzt. Unbedingt beim Kauf von Schlössern beachten: dass das »Schlüsselloch« mit einer Plastik-Schutzkappe gegen das Eindringen von Schmutz gesichert werden kann. Denn Sand und Dreck können dem Schließzylinder schneller den Garaus bereiten, als das dem Radler lieb sein kann.
Am besten sei es, das Rad mit zwei Schlössern zu sichern und dabei mehrere Schlosstypen miteinander zu kombinieren, raten Experten. Denn organisierte Fahrraddiebe seien vielfach auf einen Schlosstyp spezialisiert, sagt Abus-Mann Mendel. Auch sollten Schlösser möglichst hoch am Fahrrad angebracht werden und nicht die Erde berühren. Dann sei es für Diebe schwieriger, einen Bolzenschneider anzusetzen, weil sie das Werkzeug nicht am Boden abstützen könnten. Wenn dann noch Bügel oder Stahlkette des Schlosses dick und robust sind, lassen sie sich mit einem Bolzenschneider nur noch mühevoll durchtrennen.

Was darf es kosten?

Zehn Prozent des Fahrradwertes sollte man für adäquaten Schutz investieren, raten Fachleute. Weil Qualität aber auch bei Fahrradschlössern ihren Preis hat, ist die Zahl schnell erreicht. Grundsätzlich sollte man schon mindestens 50 Euro berappen, rät René Filippek, Technik-Experte in der ADFC-Bundesgeschäftsstelle. Auch 70, 80 oder gar 100 Euro seien nicht zu viel für ein gutes Schloss. »Daran sollte man nicht sparen, dann behält man auch sein Rad mit hoher Wahrscheinlichkeit«, so Filippek. Denn gute Schlösser bieten nicht nur höhere Aufbruchsicherheit – sie haben zudem abschreckende Wirkung.
Dringend notwendig seien aber auch sichere Fahrradparkhäuser und Abstellplätze an Bahnhöfen und öffentlichen Gebäuden, sagt Ulrich Syberg. Radklau sei ein Massendelikt, vom Staat werde das aber bagatellisiert.

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Schlössertypen und ihre Vor- und Nachteile

Bügelschlösser gelten als die sichersten Schlösser, sind aber schwer (bis zu 1,7 ­Kilogramm) und ziemlich unflexibel beim Anschließen des Rades. Mit entsprechenden Halterungen am Rad sind sie aber zumindest gut zu transportieren.

Faltschlösser lassen sich wie ein Zollstock zusammenlegen und in die am Rahmen befestigte Transporttasche stecken. Praktisch: Das gängige Abus Bordo kommt ohne Schlüssel aus – nur darf man die Zahlenkombi nicht vergessen. Es schneidet in aktuellen Tests gut ab, ist aber ziemlich teuer.

Kettenschlösser sind sehr flexibel, aber schwer und lassen sich nicht gut mitführen – entweder sie baumeln störend um die Sattelstange oder füllen den Rucksack.


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