Glück gehabt

Radzeit-Leser C. CONSTANTIN BARTNING überlebte einen Unfall mit einem abbiegenden Lkw.
Hier erzählt er, wie es dazu kam.Nein das ist kein gestelltes Foto und auch kein spontaner Sitzstreik auf einem Radweg. Zum Foto gehört ein Aktenzeichen der Polizei vom 11. April um 13:50 Uhr. Während ich sitze, bewege ich die Zehen des rechten Fußes. Sie bewegen sich wirklich. Der Schuh klemmt noch im Rad. Der Sattel ist beim Freikommen abgerissen. Es ist ein glücklicher Moment, den eine zu Hilfe eilende Frau fotografiert, bevor Feuerwehr und Polizei eintreffen.

Etwa zwei Minuten vorher wollte ich bei grüner Ampel die Martin-Luther-Straße überqueren, um weiter auf der Fritz-Elsass-Straße in westlicher Richtung zu fahren, da merkte ich, wie mein Rad von hinten geschoben wurde. Das Motorengeräusch eines schweren Lkw, der zum Abbiegen herunterschaltete, machte mir bewusst, was gerade passierte. Ich wusste, dass Radfahrer den Kontakt mit rechts abbiegenden Lkw selten überleben. Einen Moment dachte ich »das war es wohl«, dann »ich darf nicht stürzen!« Ich musste dazu den Kurs des Lkw nehmen. Es gelang mir, mich von ihm um die Ecke schieben zu lassen. Nach meiner Erinnerung war es dabei völlig still. Hinter der Ecke war klar: Der Lkw würde jetzt beschleunigen. Ich musste zum rechten Straßenrand kommen. Beim Lenken nach rechts verlor ich das Gleichgewicht. Ich versuchte nach rechts abzuspringen, blieb aber wohl mit der Jacke am Sattel hängen und stürzte. Etwas sehr Schweres drückt auf mein rechtes Bein. War es das Lkw-Vorderrad? Irgendwie kam ich weg. Gedrückt hatte mein Fahrrad, über dessen Hinterrad der Lkw fuhr.

Ich lag im Dunklen auf der Straße, mein gelbes Regencape hing am Helm über meinen Kopf. Als ich wieder sehen konnte, kamen die ersten Menschen. Der erschrockene Fahrer, ein hagerer, älterer Mann, war da und freute sich mit mir, dass ich relativ unversehrt war. »Ich habe Sie nicht gesehen«, sagte er. Was ihn abgelenkt hatte, sagte er nicht.

In der Notaufnahme bestätigte sich: Ich hatte keine Knochenbrüche, »nur« schwere Blutergüsse am Bein. Diese erforderten zwei Wochen später eine Knie-OP. Die Schwere dieser Verletzung habe ich anfangs unterschätzt. Erst Ende Mai konnte ich wieder mit dem Radfahren beginnen.

Der Lkw-Halter, ein mittelständisches Unternehmen, meldete sich wochenlang nicht bei seiner Versicherung. Die Versicherung erkannte Ende Juni schließlich die Haftung »der Sache nach an«. Durch Taxifahrten, Zuzahlungen, Medikamente, Verbandmaterial, Trombosespritzen und E-Bike-Miete kamen fast 1.000 € zusammen. Bis Ende Juli ist kein Euro von der Versicherung an mich geflossen. Der Schadenersatz für das zerstörte Rad und das Schmerzensgeld sind noch offen.

Später habe ich mich gefragt: Hätte ich besser reagieren können? Rettend war die Vorstellung, wohin das Fahrzeug fahren würde. Aber wäre ich nach der Ecke durch kräftige Pedaltritte vielleicht frei gekommen? Kann ich mir für solche kritische Situationen Verhaltensweisen einprägen? Mit einem Zéfal Rückspiegel habe ich jetzt den Verkehr hinter mir im Blick. Ich trainiere, noch aufmerksamer zu fahren.

Foto: Unbekannt Unfallzeugin (Sollten Sie diesen Beitrag sehen, melden Sie sich bitte bei Herrn Bartning oder dem ADFC Berlin!)