Das Radbahn-Team im Interview: »Ein Wahrzeichen für Berlin«

Der Platz unter dem Hochbahnviadukt der U1 ist staubig, dreckig und zum großen Teil ungenutzt. Warum nicht dort Rad fahren, dachte sich eine Gruppe junger Berliner und entwarf die Idee der Radbahn. Das Team gewann in Windeseile mehr als 10.000 Anhänger auf Facebook und wurde mit dem Bundespreis Ecodesign ausgezeichnet. Nikolas Linck sprach mit Simon Wöhr und Perttu Ratilainen über Grenzen, Möglichkeiten und die Zukunft des Projekts.

Radbahn-Team

Das Radbahn-Team mit Perttu Ratilainen (3. v. l.) und Simon Wöhr (6. v. l.)

radzeit: Wie seid ihr auf die »Radbahn« gekommen?

Ratilainen: Einer von uns hatte im Herbst 2014 die Idee, den Platz unter dem Hochbahnviadukt für einen Radweg zu nutzen. Das leuchtete ein und wir wurden ziemlich schnell das Team, das wir heute sind. Das Lustige ist: Je mehr Aufmerksamkeit wir in den Medien bekamen, desto mehr Leute erzählten uns, dass sie schon dieselbe Idee hatten. Wahrscheinlich haben schon hunderte Leute gedacht, dort müsste man Rad fahren. Aber wir haben die Idee schließlich verfolgt und weiter gedacht.

radzeit: Die offizielle Planung sieht auf der Gitschiner und Skalitzer Straße Radstreifen vor, die Umsetzung hat schon begonnen. Wer braucht da noch die Radbahn?

Wöhr: Ich persönlich finde, wir brauchen auf jeder Straße ordentliche Radwege oder -streifen, auch dort. Aber die Radbahn geht darüber hinaus, sie wäre nicht nur ein Weg, um von A nach B zu kommen, sondern ein Wahrzeichen für Berlin. Ein Ort, um sich zu treffen, zu entspannen, zu erleben. Ein Zeichen an die Radfahrer, dass Geld für sie in die Hand genommen wird.

radzeit: Vielleicht würde dieses Geld aber viel mehr bewirken, wenn es in herkömmliche Infrastruktur investiert würde. Sollten nicht erst grundsätzliche Missstände behoben werden, bevor in Wahrzeichen investiert wird?

map4.1.6Wöhr: Das Geld für die Radbahn sollte nicht auf Kosten von anderer Infrastruktur gehen. Das Budget sollte entweder zusätzlich eingestellt oder durch Sponsoren oder Fördermittel aufgebracht werden.

radzeit: Gibt es eine Kostenschätzung für das Projekt?

Ratilainen: Nein, bisher ist das nur eine Skizze. Das müsste von Profis geschätzt werden.

radzeit: In der Berichterstattung wurde die Radbahn immer als »Radschnellweg« bezeichnet. Entspricht das eurer Idee?

Wöhr: Nein, die Strecke ist an vielen Stellen viel zu eng für einen Radschnellweg. Die Radbahn wäre eher ein »Rad-Flanierweg« für gemütliche Radler und Touristen, die die Stadt erleben wollen. Wir stellen uns eine mäßige Geschwindigkeit vor, mit einer grünen Welle in der Ampelschaltung. Das ist in Kopenhagen ähnlich, dann muss auch niemand viel überholen.

radzeit: Manche Abschnitte der Strecke scheinen völlig unmöglich. Zwischen den Pfeilern des Viadukts liegt an manchen Stellen nicht mehr als zwei Meter. Bei den U-Bahnstationen ist der Platz unter dem Viadukt bebaut.

Wöhr: Am Görlitzer Bahnhof zum Beispiel könnten die Spuren um das Viadukt herum geführt werden, da muss die Auto-Fahrbahn dann schmaler werden. An anderen Stellen sind Brücken möglich. Wir schließen auch nicht aus, dass die Radbahn mal ganz das Viadukt 12_Radbahn_Skizze_Kreuzung __ Team Radbahn Berlinverlässt und dann später wieder hineinführt. So weit sind wir in unserer Planung noch nicht, da wollen wir gerne im Detail noch mal ran, das kostet aber viel Zeit und ist nicht ehrenamtlich zu leisten.

radzeit: Was sind Eure nächsten Schritte?

Ratilainen: Wir möchten eine Pre-Machbarkeitsstudie machen, vorbereitend für die Senatsverwaltung. Im Idealfall unterstützen uns Firmen dabei finanziell, die Interesse an der Radbahn-Idee haben. Das Projekt bietet ja Raum für viele Geschäftsideen wie Cafés oder Verleih- und Reparatur-Services entlang der Strecke. Außerdem ist die Radbahn eine Chance für Start-Ups und Forschung, technische Innovationen zu entwickeln und zu testen.

Wöhr: Gleichzeitig verfolgen wir das Ziel, einen kleinen Teil der Strecke als Modellversuch zu realisieren. Da können dann Ideen ausprobiert werden, zum Beispiel Bodenbeläge, die Strom durch Druck erzeugen.

radzeit: Vielen Dank für das Gespräch.

www.radbahn.berlin

 

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