Ein Tag ohne Radfahren ist ein verlorener Tag

erik_selbst_leica

Foto: Erik Spiekermann

Seine Gestaltung sieht nicht nur jeder Berliner beinahe täglich im öffentlichen Raum und in den Medien. Für die radzeit sprach Philipp Poll mit dem mehrfach für sein Design ausgezeichneten Typografen Erik Spiekermann.

radzeit: Du bist ein international geachteter Designer für Schriften, Logos und Corporate Design und warst unter anderem für die Stadt Berlin, die Deutsche Bahn, die BVG, aber auch für deutsche Automarken aktiv. Wann wird der deutschen Fahrradbranche ein zeitgemäßes Erscheinungsbild verpasst?
Spiekermann: Wenn es die „deutsche Fahrradbranche“ gäbe. Nötig wäre es, endlich vom Schrauberimage wegzukommen. Radfahren ist ja alles: gesund, praktisch, lifestylig, zeitgemäß, technisch faszinierend und vor allem zukunftsträchtig. Leider gibt es in der Branche einige Lifestyle-Unternehmen, etliche ehrliche Hersteller und einen Haufen Schrauber. Das alles unter eine Marke zusammenzubringen ist schwierig, würde aber allen nützen.


Du hast auch das Logo für die Fahrradmesse Velo Berlin gemacht. Wie ist die Verbindung Spiekermann – Fahrrad?
Ich fahre Rad, weil es praktisch ist, vor allem in Berlin. Weil es Spaß macht, weil es vernünftig ist, weil es gesund ist und weil es ein ästhetisches und körperliches Vergnügen ist.

Man hört, Du seist ein regelrechter Fahrrad-Fan, stimmt das? Was fasziniert Dich am Radfahren?
Ich bin ein pragmatischer Radfahrer. In Berlin und London fahre ich meistens mit einfachen Singlespeeds, die aus alten Rennrädern umgebaut sind. Im schweren Winter steige ich um auf ein solides Stadtrad, in Amsterdam habe ich natürlich eine Gazelle und in San Francisco ein Rennrad (nach Maß) mit zweimal 11 Gängen, weil es schon sehr steil zugeht. Ich habe außerdem ein Trekkingrad für Touren über Land und eine kleine Sammlung klassischer Rennräder – unter anderem ein De Rosa und ein Wilier. Da ich nach diversen Knieoperationen nicht jedes Rad über lange Strecken fahren kann, habe ich erik_rennradmir sowohl in Berlin als auch in San Francisco jeweils einen Rahmen nach Maß bauen lassen. Ich fahre nur Stahlräder, da bin ich altmodisch. Mehr als eine längere Tour am Wochenende nur zum Spaß schaffe ich meist nicht. Hier in San Francisco kann man schon des Wetters wegen fast jeden Tag einen kleinen Rundkurs mit 40 oder mehr Kilometern fahren. Ich glaube, ich habe 12 Räder insgesamt. Aber ich wohne ja auch in drei Städten und muss gelegentlich nach Amsterdam in unser Büro dort.

Du fährst also überall Rad: in San Francisco, London und Amsterdam. Wie sind die unterschiede zu Berlin?
Na klar: In London bin ich mit dem Rad viel schneller als mit den Öffentlichen und ein Auto geht dort gar nicht. In San Francisco halten mich viele für verrückt, weil ich mit normalen Straßenklamotten auf dem Rennrad fahre. Dort ist Radfahren immer noch größtenteils reiner Sport mit einem Riesenwahn an Ausrüstung. Dass man auch ohne Spezialschuhe in die Pedale treten kann, hat sich noch nicht herumgesprochen. In Amsterdam muss man Rad fahren, weil Fußgänger dort gefährdet sind. Und in Berlin macht es richtig Spaß, weil man schnell vorankommt, trotzdem was sieht von der Stadt und abends gut schläft, wenn man wenigstens 20 Kilometer gefahren ist, was ja bei der Fahrt zur Arbeit und zum Einkaufen schnell zusammenkommt. Die richtige Mischung aus praktisch, gesund und erholsam. Ein Tag ohne Radfahren ist ein verlorener Tag.

Du bist bekannt für einen klaren, puristischen Stil. Sehen Deine Fahrräder auch aus wie Deine typografie?
Schon deshalb habe ich nur Stahlräder. Je puristischer, desto lieber. Mein Rennrad in San Francisco hat überhaupt keine Grafik und bei meinem Berliner Rennrad habe ich den Kollegen von Cicli Berlinetta nur ein paar kleine Logos zugestanden. Die Grafik auf den alten Rädern ist meistens kitschig nach meinen sonstigen Kriterien, aber dieser Stil – der ja meist von gestalterischen Laien geschaffen wurde – ist eben so, und das muss man feiern.

Du unterrichtest auch an der Hochschule für Künste in Bremen. Hast Du Typogroupies?
Ich bin jetzt 65 und unterrichte nur noch nebenbei. Aber Groupies gibt es immer und überall. Das amüsiert mich eher, als dass es mich ärgert oder mir schmeichelt.

Wann kommt das Meta-Bike, also das Spiekermann-Rad?
Ich versuche in San Francisco einen Freund beim Aufbau einer Firma für Stadträder zu unterstützen. Ich nehme Einfluss auf die Farbgebung und den Stil der Räder von Public Bikes. Sie sind einfach, aber fröhlich. Ein Rad nach meinen Vorstellungen würde ich schon gerne mal machen. Es wäre eher ein Alltagsrad wie meine Singlespeeds: leicht, einfach, farbig.

www.edenspiekermann.com


Mehr zum Thema Freizeit: