Die große Ungleicheit

Als im Juli einige Parkplätze vor seiner Haustür wegfielen, wurde Berlins regierender Bürgermeister sauer. In einem Brief forderte er andere Anwohner auf, sich beim Bezirksamt über die Parkplatzsituation zu beschweren. Im konkreten Fall wurde Halteverbot angeordnet, um die Sicherheit in der Einbahnstraße zu erhöhen, die von Radfahrenden in beide Richtungen befahren werden darf. Trotzdem brach eine breite Debatte los, wie viele Parkplätze Berlin braucht – oder auch nicht. VON EVAN VOSBERG

Wer über Parkplätze redet, redet über die Verteilung kostbaren öffentlichen Raumes. Wer darf welche Fläche nutzen? Wo dürfen Kinder spielen, Cafés ihre Tische aufstellen? Welchen Platz teilen sich Fußgänger auf Gehwegen, wo dürfen Fahrräder und Autos fahren und abgestellt werden? Diese Fragen werden in der wachsenden Stadt Berlin immer drängender. Immer mehr Menschen teilen sich den gleichen Raum, sind auf Straßen und Plätzen unterwegs.

Die Ungleichheit ist offensichtlich: Obwohl die Berliner nicht einmal jeden dritten Weg mit dem Auto zurücklegen, benötigen private Pkw den meisten Platz. Im Schnitt werden sie am Tag 30 Minuten bewegt, meist sitzt nur eine Person im Wagen. Die restlichen Stunden steht das private Auto herum und nimmt öffentlichen Platz weg. Und zwar an nahezu allen Straßenrändern in Berlin. Die Frage nach Parkplätzen betrifft deshalb nicht nur Auto- und Radfahrer, sondern uns alle. Es ist die Frage nach gerechter Aufteilung der Flächen.

Berlin hat noch Glück: Ein Großteil der Zehntausenden, die jährlich neu hinzuziehen, bewegt sich umweltfreundlich und platzsparend zu Fuß, per ÖPNV oder Fahrrad. Würden sie alle irgendwo ein Auto parken wollen, stünden wir kurz vor dem Kollaps. Dabei hat die Hauptstadt noch viel mehr Platz als vergleichbare Großstädte. Was fehlt, ist seine intelligente Nutzung: Ausreichend Liefer- und Ladezonen für den Lieferverkehr sowie Behindertenparkplätze sorgen dafür, dass diejenigen Platz haben, welche wirklich auf das Auto angewiesen sind. Kurzzeitparken in Geschäftsstraßen bringt den Ladenbetreibern fluktuierende Kundschaft statt Dauerparkern.

Damit all das funktioniert, müssen Polizei und Ordnungsämter die Regeln endlich konsequent durchsetzen. Pendler, die täglich von außerhalb in die City fahren und dort die Straßenränder besetzen, müssen außerdem durch passgenaue ÖPNV-Angebote sowie »Park and Ride«-Plätze im Umland zum Umstieg bewegt werden. Hinzu kommen unzählige Parkhäuser, die selbst in Gegenden mit höchstem Parkdruck leer stehen. Hier müssen sich Betreiber und Bezirke zusammensetzen, um den verschenkten Raum attraktiv zu machen. Herr Müller sollte sich endlich Gedanken machen über ein nachhaltiges Parkraumkonzept, statt sich nur vor seiner Haustür umzusehen. Und wenn er das schon tut, sollte ihm auch die Zahl der Fahrradbügel auffallen, nämlich Null. Als Stellplätze sind die neuen Verbotsschilder deshalb heiß begehrt.