Die blaue Trophäe

Natürlich ist es ein Glück, dass man sich jetzt für mindestens vier Monate nicht mehr einpacken muss, als gehe man auf eine Expedition zum Nordpol, wenn man morgens aufs Rad steigt. VON KAI SCHÄCHTELE

Schon beim Aufwachen hört man durchs offene Fenster die Vögel zwitschern. Die Wetternachrichten im Radio kündigen Sonne und 20 Grad an. Und dann setzt man sich die Sonnenbrille auf, fährt durch die Stadt, hat die Sonne und die Bäume und das Parfüm der vor einem fahrenden Schönheit in der Nase und spürt, wie das Glück den ganzen Körper durchspült. Da gibt es nichts, was diese Seligkeit zunichte machen könnte. Niemanden, der etwas zu meckern hätte. Mit einer Ausnahme: ich. Denn ich habe immer etwas zu meckern.

Man verdient sich einfach keine Tapferkeitsmedaille, wenn man bei gutem Wetter aufs Rad steigt. Das ist keine Kunst. Das kann jeder. Echte Helden erkennt man daran, dass sie auch dann fahren, wenn es weh tut. Erst wenn einem der eisige Wind ins Gesicht beißt, sobald man das Haus verlässt, und man schon nach ein paar Minuten die Hände kaum noch spürt, wenn man durch die Kurven mehr schlittert als fährt und lieber erst gar nicht bremst, weil das nur ins Verderben führen würde, erst wenn man trotz aller Vorsicht und Routine stürzt und so auf den Knöchel knallt, dass einem danach schummerig wird vor Schmerz, erst dann gehört man zum Geheimbund jener, die für sich reklamieren können, die Kunst des Radfahrens vollauf zu beherrschen. Denn Kunst muss weh tun. Sonst verkommt sie zum Kitsch.

Ich möchte deshalb die Sonnenbrille abnehmen, den Blick von den Vögeln, den Wetternachrichten und den schönen Fahrrädern für einen kurzen Moment abwenden und nochmal zurückspringen in den Winter und die Praxis meines Orthopäden. Nennen wir ihn Doktor Knöchel. Passiert war dies: Ich war unterwegs zu einer Verabredung, auf einem Radweg, auf dem der Räumdienst ganz offensichtlich die Alpen hatte nachbauen wollen. In Städten wie Kopenhagen werden im Winter traditionell die Radwege als erste geräumt. In Berlin dagegen sind Radwege das Schneedepot für die Straßen nebenan. Nachdem ich auf einem vereisten Schneebrett ausgerutscht war, landete ich mit einem herzhaften Knall auf dem Asphalt. Der Sturz wurde allerdings abgefedert – von meinem rechten Knöchel. Sofort sprangen Fußgänger auf mich zu und fragten ganz besorgt, ob alles in Ordnung sei. Ich stand auf, schüttelte mir den Schnee von Hose und Jacke und sagte: „War doch nichts.“ Hob mein Fahrrad vom Boden, stieg auf mein Fahrrad und rollte langsam an. Als ich mit dem verletzten Fuß aufs Pedal trat, war der Schmerz so groß, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. An der nächsten Seitenstraße bog ich um die Kurve, rollte auf den Gehweg, stieg ab, ließ mein Fahrrad auf den Boden fallen, setzte mich auf eine Treppenstufe und wimmerte leise vor mich hin. Als es nach einer halben Stunde wieder einigermaßen ging, fuhr ich im Fußgängertempo nach Hause. Ich sperrte mein Rad so im Hinterhof ab, dass jeder sehen konnte, dass ich damit gefahren war, und ging nach oben. Mein Knöchel war in der Zwischenzeit zu einem stattlichen Ballon angeschwollen. Wenigstens kühlen musste ich ihn zu Hause nicht, fühlte sich mein ganzer Körper doch an wie ein Eisklumpen.

„Nur Selbstmörder fahren im Winter Fahrrad“, knurrte Doktor Knöchel am nächsten Tag, als ich mit einem Fußgelenk vor ihm lag, dessen Farbgebung an ein Frühlingsgemälde von Monet erinnerte: viel Grün und Blau, dazwischen ein paar rote Tupfen. „Tut das weh?“, fragte er, als er meinen Fuß in alle Richtungen drehte, um zu sehen, ob etwas gebrochen war. „Kein bisschen“, zischte ich und wäre ihm vor Schmerz am liebsten an die Gurgel gegangen. „Selbst schuld“, sagte er, „warum müssen Sie bei dem Wetter auch Rad fahren? Sie können sich wieder anziehen. Gebrochen ist nichts.“

Doktor Knöchel ist wie viele andere Autofahrer der Auffassung, dass die Straße ihm gehört. Ganz grundsätzlich, aber noch viel grundsätzlicher im Winter. Dass die Radwege zu einem Eisparcour verkommen, kostet ihn ein Schulterzucken. Man kann ihm das nicht vorwerfen. Diese Haltung hat in Zeiten des Wirtschaftswunders ihren Ursprung, als das Auto zum Symbol für Wohlstand, Status und Fortschritt wurde. Die Tatsache, dass das Auto heutzutage weitgehend für Stillstand steht, es sei denn in der Autowerbung, wo Küstenstraßen gesperrt und Städte geräumt werden, damit wenigstens die 30-Sekunden-Spots vor der Tagesschau noch die Illusion von Freiheit und Unabhängigkeit aufrechterhalten, hat auf Menschen wie Doktor Knöchel keinerlei Einfluss.

Der Besuch bei ihm ist jetzt acht Wochen her. Mein Knöchel leuchtet leider nicht mehr so schön wie damals. Inzwischen hat er eher das Aussehen eines überreifen Apfels. Für mich ist das aber nicht einfach nur ein blauer Fleck. Es ist eine Auszeichnung. Ich hoffe, man kann noch etwas von ihr sehen, wenn ich demnächst wieder mit kurzer Hose, Havaianas und Sonnenbrille unterwegs bin. Zwischen all den Warmradlern.


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Feuilleton Fahrradfahren auf der Straße