Der Bahn-Tag eines ADFC-Tourenleiters

Burghard Gebauer

Stahlross oder Drahtesel, das ist hier die Frage. ADFC-Tourenleiter Burghard gebauer in der Kunstschmiede in Blankenfelde.

VON BURGHARD GEBAUER

Es ist 9:00 Uhr, wir stehen im Bahnhof Friedrichstraße. Rund zwanzig Personen sind gekommen, um bei meiner Tour mitzufahren. Wir müssen den Zug nach Fürstenwalde erreichen, aber vorher ist noch die richtige Anzahl an Fahrradkarten zu lösen. Aber welche bloß? Ein Thema, das stundenlange Bahnfahrten kurzweilig halten kann. Ist das Ticket der DB richtig oder muss es vom VBB sein? Einwegkarte oder die Tageskarte? Wo fi ndet man die Radkarten im Menü der verschiedenen Automaten? Welche Fahrradkarte ist zusammen mit welchem Personen-Ticket gültig und in welchem Bereich? Fragen über Fragen und wenn dann der Zugbegleiter bemängelt, dass man leider das falsche Ticket erwischt hat, wird dies gelegentlich mit kryptischen Ausdrücken wie „ausbrechendem Verkehr“ begründet. Ich habe inzwischen die Erfahrung gemacht, dass unter den Zugbegleitern jeder so seine eigene Meinung zum Thema Tarifdschungel hat – und man mit ihnen auch trefflich darüber philosophieren kann.


9:15 Uhr, nun haben wir unsere Fahrtickets und stehen – gerade rechtzeitig, denn die Suche
auf dem Automaten hat doch etwas gedauert – auf dem Bahnsteig. Wir freuen uns auf die Fahrt ins schöne Brandenburg. Und da kommt die Bahn auch schon; über die Verspätung sehen wir hinweg, wir sind in guter Stimmung und freuen uns auf die Tour. Leider waren wir mit unserer Ausfl ugsidee nicht alleine und das Mehrzweckabteil ist voll. Nicht unbedingt mit denen, für die es gedacht ist: Rollstuhlfahrer, Kinderwagen, großes Gepäck und nicht zuletzt Räder. Nein, das Mehrzweckabteil ist bevölkert von Fahrgästen, die sich off ensichtlich mit Pattex am Sitz befestigt haben. Alle höfl ichen Bitten und Hinweise helfen nicht: Sie bleiben sitzen. Hilfe vom Zugpersonal steht nicht zu erwarten. Erfahrungsgemäß
scheuen die Zugbegleiter den Konfl ikt mit den Fahrgästen auf den Klappsitzen. Allerdings
– und das muss ich selbstkritisch anmerken – vergeuden wir Radler im Abteil schon wertvollen Stellplatz, weil wir die Radtaschen nicht abgenommen haben. Besonders prekär sind die Verhältnisse, z.B. in Richtung ostsee sowie auf den Linien nach Neuruppin oder Storkow, die mit kürzeren Fahrzeugen bedient werden. Aber sei’s drum, wir kommen raus aus Berlin und machen eine Tour durch unser schönes und radfreundliches Nachbarland.
19:30 Uhr, wir haben einen tollen Tag hinter uns. Sind glücklich und ausgepowert und wollen natürlich zurück in die Hauptstadt. Gerade am Wochenende kommen zur selben Zeit viele Radler auf die gleiche Idee. Wir Tourenleiter haben aber natürlich inzwischen dazugelernt und bieten im Sommerhalbjahr an Sonntagen keine Touren mehr nördlich von Berlin an. Denn dann reisen die Leute von der ostsee zurück nach Berlin und so mancher Freizeitradler muss dabei leidvoll erfahren, was es heißt, dass es sich bei der Fahrrad-Mitnahme nur um eine „kann“-Bestimmung handelt. So kommt man unerwartet zur Gelegenheit, die morbide Schönheit der verfallenden Bahnhöfe im Umland ausgiebig zu bewundern. Natürlich könnte man an der ostsee oder in den touristischen Regionen Brandenburgs auch ein Rad mieten und sich den Stress der Fahrradmitnahme sparen. Aber Tourenradler wie wir wollen doch das eigene, passende Qualitätsrad unter dem Hintern haben. Das Thema Fahrradmitnahme in der Bahn wird uns Tourenleiter und den ADFC also weiterhin beschäftigen. Wir halten deshalb Kontakt zu Tourismusverbänden, zum VBB und zur Politik und machen uns stark für die Kombination Rad+Bahn.


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