Das Fahrrad als Mittler zwischen den Kulturen

In der Fahrradselbsthilfewerkstatt des ADFC Berlin reparieren Geflüchtete alte Fahrräder, die sie dann geschenkt bekommen. Nebenbei zeigt sich, dass Integration auch ohne Sprache funktioniert. Ein Besuch in der Werkstatt. TEXT UND FOTOS VON JOSTA VAN BOCKXMEER.

Sobald sie das Werkzeug in die Hand nehmen, scheinen Farhad und Samson keine gemeinsame Sprache mehr zu brauchen. Zusammen suchen die beiden Männer nach einem passenden Kettenschutz für Farhads Fahrrad. Samson hält drei Exemplare in der Hand und Farhad, der aus Afghanistan kommt und seit drei Monaten in Deutschland lebt, probiert sie nacheinander aus. Als keiner der Kettenschutze passt, verschwinden sie in den Keller, um nach weiteren Ersatzteilen zu suchen. „Wenn Menschen eine Gemeinsamkeit haben, dann ist alles andere egal. Es gibt dann eine Verständigung, auch ohne Sprache“, sagt Samson.

Beim Projekt Mobilität für Alle ist die Fahrradreparatur die Gemeinsamkeit, die den Austausch ermöglicht. Seit Januar kommen jeden Dienstag Bewohner und Bewohnerinnen aus Notunterkünften für Geflüchtete in Wedding in die Werkstatt an der Brunnenstraße. Unter der Leitung von ehrenamtlich Aktiven wie Samson reparieren sie Fahrräder, die von Fahrradläden oder privat gespendet wurden. Wer ein Fahrrad soweit repariert hat, dass es verkehrstüchtig ist, darf es mitnehmen.

Anfangs habe er befürchtet, dass es ganz ohne gemeinsame Sprache nicht funktionieren würde, sagt Nikolas Linck, zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und Aktivenkoordination beim Landesverband. „Aber es ist einfacher, als man denkt. Man macht etwas zusammen, und das führt zu netten Bekanntschaften. Die Fahrradwerkstatt ist unsere Art, zur Integration von Geflüchteten beizutragen.“ Das Fahrrad, dass sie dabei geschenkt bekommen, helfe den Geflüchteten außerdem, mobil zu sein und „sich in ihrer neuen Heimat zurechtzufinden“, so Nikolas.ADFC1

Ganz Berlin sehen

„Mit den Fahrrädern werden wir ganz Berlin sehen, alle bekannten Orte können wir jetzt besuchen“, freut sich Shakeel Hussain Turi. Er ist zum dritten Mal bei der Fahrradwerkstatt mit dabei. Mit zwei anderen arbeitet er an einem Fahrrad. Sie richten den Lenker, stellen die Bremsen ein, ersetzen das Schutzblech. Der 28-jährige Student der Politikwissenschaft kommt aus Pakistan und lebt seit acht Monaten in Deutschland. Von der Fahrradwerkstatt erfuhr er über Freunde, mit denen er in der Notunterkunft für Geflüchtete in der Pankstraße wohnt.

So wie Shakeel kommen viele: Obwohl pro Woche eigentlich nur vier Geflüchtete in die kleine Werkstatt an der Brunnenstraße kommen sollen, sind rund zehn da. Im Raum verteilt stehen mehrere Fahrradmontageständer, an denen jeweils ein Fahrrad hängt. Überall sind kleine Schubläden mit Schrauben, Ersatzteile stechen aus Regalen hervor, sogar von der Decke hängt ein Fahrrad herunter. Samson und die anderen Freiwilligen huschen umher, montieren hier eine Gangschaltung und schauen dort, ob sich eine Kette frei drehen kann. Im Hof probieren die Gäste die fertigen Räder aus.

Aktiv an Integration beteiligen

Samson hörte von einem Kollegen aus Syrien von der Werkstatt. Als er anrief und erfuhr, dass die Termine noch nicht stattfanden, weil die Freiwilligen fehlten, sagte er: „Jetzt habt ihr einen.“ Seit Januar ist er einmal die Woche in der Brunnenstraße zu finden. Der 49-Jährige hat eine eigene Werbeagentur, und ist nach eigener Aussage „Kinderbesitzer“. Das Reparieren der Fahrräder schafft Gemeinsamkeiten, sagt er: „Diese Leidenschaft mit anderen Menschen zu teilen, ohne dass Sprache, Religion und Grenzen eine Rolle spielen, ist grandios.“

Auch Kai Nörthemann ist seit dem Anfang der Fahrradwerkstatt mit dabei. Der promovierte Physiker, der an der Humboldt-Universität Wasserstoffsensoren erforscht, wollte sich aktiv an der Integration von Geflüchteten beteiligen. „Kritisieren ist einfach“, sagt er. „Ich will aber etwas verändern. Man muss den Geflüchteten zeigen, dass sie hier willkommen sind, unabhängig von irgendwelchen Unterschieden. Man kann nicht sagen: Okay, ihr könnt herkommen, wir sperren alle in den Tempelhofer Flughafen. Das produziert Selbstmordattentäter. Man muss auch sagen: ‚Ihr könnt teilhaben an unserem Leben.‘“

Also sortiert Kai jede Woche zusammen mit den anderen Freiwilligen die gespendeten Fahrräder, die im Keller gelagert sind. Sie entscheiden, welche Räder sie retten können, und von welchen sie am besten nur die Ersatzteile abschrauben. Für alle, die in die Werkstatt kommen, suchen sie ein passendes Fahrrad. Im Keller steht auch eine ganze Reihe Kinderräder, die besonders beliebt sind. Problematisch wird es, wenn jemand nicht nur für sich, sondern für die ganze Familie Fahrräder haben möchte. Denn eine Warteliste und feste Regeln. „Naja, manchmal haben wir uns doch breitschlagen lassen“, sagt Samson.ADFC6

Begegnungen auf Augenhöhe

Als Freiwilliger ist man auch ein bisschen Sozialarbeiter. In die Werkstatt kommen Leute, die „in einer schwierigen Situation sind, ein schwieriges Leben haben“, sagt Samson. Die würden sich dann manchmal auch schwierig verhalten. Als Beispiel nennt er einen Jugendlichen, der sehr schnell Deutsch gelernt hat und eine neue Welt für sich entdeckt, aber für seine Eltern ein Fremder geworden ist. „Er kann kaum Fahrradfahren, aber probiert es trotzdem immer weiter“, so Samson. Auch die Eltern kommen mittlerweile in die Fahrradwerkstatt.

Samson und Kai ist es besonders wichtig, dass in der Fahrradwerkstatt alle gleich sind und keine Hierarchien herrschen. Manche Leute hätten sich in der neuen Umgebung behaupten wollen, so Samson: „Einer hat seinen Führerschein herausgezogen und gesagt: ‚Hier, ich habe einen LKW-Führerschein.‘ „Mir ist sowas egal. Und nach einer halben Stunde war das für die Leute auch nicht mehr wichtig. Es war schön, dass sie das ablegen konnten.“ In der Fahrradwerkstatt werden andere Eigenschaften respektiert: „Hier geht es nicht darum, seinen Lebenslauf zu erzählen, sondern sich auf Augenhöhe zu begegnen“, sagt Kai. Und darum, am Ende des Tages, um ein paar gute Erfahrungen reicher, mit dem Fahrrad nach Hause zu fahren.


Fahrradspenden sind immer willkommen, jedoch nach vorheriger telefonischer Absprache. Auch gebraucht werden Schlösser, Helme, Stecklichter und Ersatzteile. Hast du Erfahrung mit der Fahrradreparatur, oder sprichst du Arabisch, und möchtest helfen? Dann komme in der Werkstatt vorbei oder schreib eine Mail.

weitere Informationen: Mobilität für Alle