Cycle Oregon: Wo der Westen noch wild ist

Jedes Jahr im September fahren 2.000 Radler durch den amerikanischen Nordwesten – um in grandioser Landschaft Gutes für sich und andere zu tun. Text und Fotos von Stefan Jacobs.

Erstklassig: Der Highway One zwischen Brookings und Gold Beach, gleich nördlich von Kalifornien. © Stefan Jacobs

Die Jeans hängt verbeult an den Hosenträgern, als Ken, der Bürgermeister, die Freilichtbühne betritt und in die Runde schaut. »Ihr seid jung, dünn, gesund, reich, gutaussehend. Ich hasse euch!« Den Lacher des Publikums auf der Wiese hat er sicher, obwohl viele Ältere und ein paar Dicke dabei sind. Insgesamt 2.000 aus fast allen Staaten der USA, ein paar Kanadier, eine Handvoll Europäer. Doch die meisten sind aus Oregon – dem nördlichen Nachbarstaat von Kalifornien, in dem vor allem die Metropole Portland grüner fühlt und lebt als der Rest des Riesenlandes. Man sieht es, wenn man mit S-Bahn, Tram oder Bus (die Fahrräder allesamt gratis mitnehmen) auf der neuen Tram- und Fahrradbrücke den Willamette-Fluss überquert, an dessen Ufer schon in den 1980ern die Stadtautobahn für einen Park abgerissen worden ist. Und man spürt es, wenn man zwischen all den Bio-Burger-Läden, Mikrobrauereien und Fahrradgeschäften keinen McDonald’s sieht.

Eldorado im Morgennebel: Landstraße am Rogue River, landeinwärts. © Stefan Jacobs

Jetzt also, im 200 Meilen weiter südlich gelegenen Myrtle Creek, stimmt Bürgermeister Ken an diesem Abend im Herbst 2016 seine Gäste auf die Abenteuerwoche namens »Cycle Oregon« ein: »Ich bin 70 und verstehe bis heute nicht, wie man mehr als 50 Meilen am Tag auf einem Rasierklingensattel fahren kann.« Aber er wünsche viel Vergnügen. Die Einwohnerzahl von Myrtle Creek hat sich an diesem Tag fast verdoppelt. Cycle Oregon ist ein riesiger Wanderzirkus, der 1988 als Idee eines Zeitungsreporters begann und inzwischen als perfekt organisiertes Event der wohl beste Weg ist, sich Land und Leute zu erschließen. Wohlhabende Stadtmenschen sollen in grandioser Umgebung eine Woche lang unbesorgt Rad fahren und ihr Geld in Gemeinden ausgeben, die es brauchen können. Zum einen, indem sie Läden und Kneipen frequentieren, was sie allerdings dank Vollverpflegung nicht müssen. Zum anderen, indem die gemeinnützige Cycle-Oregon-Stiftung jedes Jahr Geld an die Gastgeber verteilt: Beleuchtung für den Footballplatz, eine Fahrradwerkstatt an der Schule, ein Radweg zum Stadtpark. Das mit 100.000 Dollar bisher größte Projekt ist die Planung eines 100 Kilometer langen Radwegs von Portland an die Pazifikküste.

 

Cliffhanger: Blick auf den Pazifik in Port Orford, Oregon. © Stefan Jacobs

Grundregel: It’s a ride, not a race
Dorthin ging es im vergangenen Herbst, während 2017 – ausgerechnet zum 30. Jubiläum – die Tour erstmals ausfiel: Riesige Waldbrände wüteten auch um den einzigen Nationalpark von Oregon, der das Highlight der rund 700 Kilometer langen Tour durch Wälder, Prärie und Vulkangestein werden sollte: Crater Lake, ein mehr als 2.000 Meter hoch gelegener, 500 Meter tiefer und unvorstellbar blauer See im vor Jahrtausenden explodierten Kegel eines Vulkans. Und ringsherum liegt endlos weit und wild der Westen, der erst vor 200 Jahren von Siedlern erreicht wird – mit den bekannten, verheerenden Folgen für die Ureinwohner. Oregon ist so groß wie Westdeutschland und hat weniger Einwohner als Sachsen. Platz genug, um jedes Jahr eine neue Route auf abgelegenen Straßen zu finden, die im Winter präsentiert und im September darauf gefahren wird. Dabei gilt: It’s a ride, not a race. Nicht Tempo zählt, sondern Genuss. Wer zur Dämmerung nicht im Camp ist, wird vom Besenwagen eingesammelt.

Morgens null Grad und elf Prozent Steigung
Nach einem Premierentag in sanft gewelltem, vom Sommer goldgelb gefärbten Gras- und Weideland wird es am zweiten Morgen ernst: Null Grad im Hochtal Camas Valley, wo das Camp mit all seiner Ausstattung – Zelte, Trucks für Duschen und Gepäck – von einer dünnen Reifschicht überzogen ist und die Sonne ein bisschen braucht, um über die Berge zu steigen. Berge, durch die unser Sträßchen bald mit bis zu elf Prozent Steigung führt. Gut für die kalten Waden, hart für die Lunge. Und grandios, wenn der Blick durch die unvorstellbar klare Luft über die menschenleere Wildnis schweift.

Mit 3,8 Mio. Einwohnern beherbergt der US-Bundesstaat Oregon wenig Menschen, aber umso mehr atemberaubende Landschaft. © Infotext GbR

Hillary-Country trifft Trump-Country
Auf dem Gipfel gibt es Getränke und frisches Obst; serviert von Einheimischen, die vor guter Laune fast bersten. Jeder plaudert mit jedem, beim Stopp oder unterwegs, kürzer oder länger, wie es sich ergibt. Die berüchtigte oberflächliche Ami-Freundlichkeit erweist sich als perfekt für diese Art des Reisens. Sie hilft über Berge und gegen den zunehmenden Wind, mit dem sich der Pazifik bemerkbar macht. Am Abend ist er erreicht. Drei Tage geht es nun an der Westküste mit ihren gewaltigen Felsen und den menschenleeren Stränden am eiskalten Ozean entlang. Es ist der Nordteil des legendären Highway One, der über San Francisco und L.A. bis an die mexikanische Grenze führt.

Am vorletzten Abend erscheint Cycle-Oregon-Erfinder Jonathan Nicholas auf der Bühne und widmet sich dem Thema, auf das man als Europäer auch unterwegs oft angesprochen wird: Wie das mit Trump passieren konnte. »Hillary-Country trifft Trump-Country«, beschreibt er den Plot und sagt, die Leute hier produzierten das Essen für die Starbucks-Büromenschen von Portland. »Die leben doch nicht hier, weil sie in der Stadt nicht zurechtkämen!« Irgendwie müsse sich diese Mauer aus Hass doch überwinden lassen. Worte an eine Gemeinde, in der viele Trump nicht ertragen. Aber am nächsten Morgen, wenn in der Morgensonne das Rührei dampft, das die Leute aus Trump-Country so nett auf die Teller ihrer gestählten Gäste schaufeln, ist die Welt doch wieder intakt. Zumindest für den Tag im Sattel.

Ich war hier: Erinnerungsfoto in Brookings, Oregons Südwestzipfel. © Stefan Jacobs


Alle Infos zum Event unter cycleoregon.com. Route und Reservierung für 2018 ab 1. Februar online. Kosten inkl. Vollverpflegung und Support: ca. 1.000 Dollar (ggf. zzgl. Mietzelt und -rad). Flug von Berlin nach Portland ab ca. 900 Euro. Leihfahrräder (am besten Rennrad) in Portland buchbar sowie bei den mitreisenden Mechanikern: www.bikegallery.com und www.dayvillemerc.com (Inhaber Simon Graves ist Mechaniker und verleiht erstklassige Rennräder).