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  Wenn die US-Fahrradmetropole Portland ein Gesicht hat, dann das von Jonathan Maus. Mit seinen Lesern treibt er die Verwaltung vor sich her. VON STEFAN JACOBS.

Am Montag beeindruckt Jonathan Maus seine Fangemeinde mit dem Foto einer Mutter, die samt ihrem Töchterchen um einen auf der Fahrradspur geparkten Truck kurven muss – mitten über einen stark befahrenen Highway. Am Dienstag meldet er die Festnahme zweier Fahrraddiebe und verlinkt dazu die Polizeifotos der Beschuldigten sowie einen Ratgeber über gute Schlösser. Am Mittwoch interviewt er die neue Bürgerbeauftragte im Verkehrsministerium. Als es am Donnerstag gießt wie aus Eimern, bittet er die Leser um Tipps, wie man an triefnassen Wintertagen sicher durch die Stadt radelt. Und zum Wochenende präsentiert Jonathan Maus eine kürzlich ausgekundschaftete Mountainbike-Strecke durch die Berge vor der Stadt. Mit Karte, versteht sich. Seit den 1990er Jahren ist die zwischen San Francisco und Seattle gelegene Metropole Portland im Westküstenstaat Oregon das Labor der USA für moderne Verkehrspolitik. Hier testet die Verwaltung, wie sie die Bürger herausholen kann au2013-01-14_Radzeit-01-Druck_Seite_08_Bild_0001s ihren dicken Autos, damit Menschen und Stadt gesünder werden. Die Behörden vermarkten ihre Erfolge offensiv: Auf geführten Touren werden Politiker und Planer aus ganz Amerika regelmäßig über Fahrradampeln mit Vorrangschaltung und diagonaler Grünphase sowie durch ein Netz fahrradgerechter Nebenstraßen gelotst, die aus psychologischen Gründen allerdings von „Bicycling Boulevards“ in „Neighborhood Greenways“ umbenannt wurden. Weil mancher vielleicht etwas gegen Radler hat, aber bestimmt nicht gegen grüne Wege.

Mit seinem Blog www.bikeportland.org ist Maus eine Mischung aus Reporter, Lobbyist und Lokalzeitung. Wenn die Verwaltung sich zu sehr lobt, holt er sie auf den Boden der Tatsachen zurück – und erinnert sie beispielsweise daran, dass anfangs nicht die Stadt, sondern die Händler um mehr Fahrradbügel am Straßenrand gekämpft haben. Maus erzählt die Geschichte beim spontanen Treffen an einer Innenstadtkreuzung, zu dem er eigentlich keine Zeit hat, aber dann doch eine Stunde bleibt. Das Lob des europäischen Besuchers für die vielen Radspuren beeindruckt ihn nicht: „Bisher sind das alles Inseln. Würde die Verwaltung wenig2013-01-14_Radzeit-01-Druck_Seite_08_Bild_0002stens eine perfekte Verbindung vom Stadtrand in die City schaffen, wäre das die Initialzündung für einen totalen Wandel.“ Stattdessen werde jeder neue Radfahrstreifen mit großem Rummel angekündigt. „Dadurch entsteht bei manchen Leuten der Eindruck, dass wegen der vielen Radwege kein Geld mehr für Straßenreparaturen übrig bleibt.“

Von der chronisch mit Autos zugestauten Radspur vor seinem Bürofenster hat Maus 30 Beweisfotos online gestellt und die Verkehrsbehörde um Stellungnahme gebeten. Die installierte daraufhin erst eine eigene Kamera („das Geld hätten sie sich sparen können“) und dann wurden Schwerpunktkontrollen gestartet. Und zwar nicht nur hier, sondern auch auf dem Highway, wo die Mutter mit Kind um den Truck kurven musste und andere von Maus‘ Lesern über Falschparker klagten. Der Radverkehrsanteil in Portland nähert sich dem von Berlin an: 20 Prozent in der Innenstadt, knapp zehn in den Außenbezirken. Auch die Probleme sind vergleichbar – aber die Konsequenzen nicht unbedingt. Als Maus hört, dass bei zugeparkten Radspuren in Berlin die Polizei aufs Ordnungsamt verweist und das dann wegen Personalmangels abwinkt, sagt er: „Nach so einer Auskunft wäre die Verwaltung hier drei Tage lahmgelegt, weil die Leute sie mit wütenden Anrufen bombardieren würden.“ In seinem Blog beschränkt sich Maus auf die reinen Fakten. Die Kommentare überlässt er den Lesern. Mit dieser Trennung erklärt er seinen Erfolg: „Ich bleibe stets bei der Wahrheit – auch wenn sie für die Verwaltung ziemlich ungemütlich ist.“

Jonathan Maus

Seit acht Jahren bloggt der 37-Jährige über Radfahren und Verkehrspolitik. Rund 20.000 Stammleser sind genug, dass der Blog ihn und seine drei Kinder ernährt. Fahrradläden, Anwälte, Kneipen und Partymacher werben auf seinen Internetseiten. „Nur Urlaub ist kaum drin, weil ich möglichst jeden Tag eine Geschichte liefern muss“, sagt er. Der Ton der Leserkommentare scheint sachlicher als in vergleichbaren Foren etwa von Berliner Tageszeitungen. So wie auch auf der Straße weniger aggressiv gefahren wird – was sowohl für Autofahrer als auch für Radler gilt. Es mag daran liegen, dass die Polizei gegen alle gleich hart durchgreift: 160 Dollar für ein missachtetes Stoppschild tun ebenso weh wie 120 für eine nächtliche Tour ohne Licht. Der Unterschied zu Berlin: In Portland kassiert die Polizei lichtlose Radler nicht mitten am Tag ab. Im Gegenzug gibt’s auch keine ermäßigten Tarife: „Es geht bei Verkehrsverstößen hier nicht nach Gewicht“, sagt ein Mitarbeiter der Verkehrsverwaltung lapidar. Jonathan Maus möchte nicht „Radfahrer“ genannt werden. Er sei „a man on a bike“. Und manchmal „a man in a van“. Noch würde die Stadt ohne Autos nicht funktionieren, sagt er. Aber die meisten Bewohner seien schon weiter als die Verwaltung.

www.bikeportland.org


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