Biking Istanbul

Wenn man in Istanbul ankommt, sieht man nicht gerade viele Fahrräder. Im Gegenteil: Man wird mit dicht gepacktem Autoverkehr begrüßt. Die pulsierende Metropole mit ihren 14 Millionen Einwohnern ist bekannt für ihren überlasteten Verkehr. Es gibt mittlerweile fast 4 Millionen registrierte motorisierte Fahrzeuge. Die Stadt hat verschiedene Maßnahmen geplant, um den Verkehr nachhaltig zu verbessern, aber das Fahrrad bleibt eine wenig genutzte Alternative. TEXT UND FOTOS VON SIMIKKA HANSEN

Istanbul ist die größte Stadt der Türkei. Sie liegt zwischen dem Schwarzen Meer und dem Marmarameer und wird geteilt durch die Bosporus-Meerenge. Vor kurzem wurde eine dritte Brücke eröffnet, die eine weitere Verbindung zwischen Europa und Asien schafft. Sie ist jedoch nur für motorisierten Verkehr zugänglich. Die Brücke liegt nördlich von Istanbul und führt durch den Belgrad-Wald zum noch im Bau befindlichen dritten Flughafen, der nach seiner Fertigstellung der größte der Welt sein soll. Laut dem TomTom Traffic Index gehört Istanbul zu den Städten, in denen die Menschen im weltweiten Vergleich am meisten Zeit im Stau verbringen. Die Bevölkerung sowie die Anzahl der Autos nehmen rasant zu. Das Fahrrad könnte die vollen Straßen entlasten.

Foto 1: Kadiköy – Entlang der Küste auf der asiatischen Seite Istanbuls sind Radwege in blauer Farbe markiert.

Fahrrad fahren in Istanbul
Trotzdem machen Radfahrer nur 0,05% des gesamten Verkehrs aus. Kein Wunder, denn die Bedingungen sind meist widrig: Es gibt wenig Platz, kaum Radwege, viele Hügel und einen schnellen Autoverkehr. Laut der Istanbuler Fahrradladenbetreiberin und Aktivistin Seçil Öznur Yakan (Foto 3) sind die größten Gefahren für Radfahrer in Istanbul »ungebildete und aggressive Minibus-, Dolmuş-, Taxi-, und Autofahrer« (in dieser Reihenfolge) und fehlende Infrastruktur. Der größte Teil der Radwege befindet sich innerhalb der Bezirke Kadiköy, Zeytinburnu und Bakirköy, die alle an der Küste liegen und hauptsächlich von Freizeitradlern benutzt werden (Foto 1). »Wo Radwege geplant und vielleicht gebaut werden, sind sie fast ausnahmslos außerhalb des Verkehrs und eher spaß- und nutzungsorientiert«, so Yakan. Einen Versuch des Gegenteils sieht man in dem Innenstadtbezirk Fatih auf dem nördlichen Teil der Kennedy Caddesi. Hier müssen sich Auto- und Radfahrer die Fahrbahn teilen. Doch aufgrund fehlenden Bewusstseins gegenüber Radfahrern trauen viele sich nicht, dort zu fahren (Foto 2). Im Jahr 2013 kündigte der Bürgermeister Istanbuls 1.050 km neue Fahrradwege bis 2023 an. Außerdem wurde Embarq Turkey, einer Forschungsorganisation für nachhaltige Stadtentwicklung, von der Stadt der Auftrag erteilt, das Potenzial für Radfahren in Istanbul zu untersuchen und zum städtischen Masterplan für Verkehr beizutragen [1]. Ob der Plan wirklich in die Tat umgesetzt wird, steht jedoch für viele noch in den Sternen. Aktivistin Yakan erinnert an andere gescheiterte Maßnahmen, etwa auf der stark frequentierten Bağdat Caddesi in Kadiköy: »Dieser Radweg hätte wirklich etwas nützen können. Aber er wurde eines schönen Nachmittags im Oktober 2012 eingeweiht, nur um noch in derselben Nacht abgerissen zu werden, weil es massive Beschwerden von Autofahrern gab.«

Foto 2: Fatih – gefährliche Situation für Radfahrer auf einer geteilten Fahrbahn in der Innenstadt.

Es gibt andere Städte in der Türkei, wie z.B. Konya, İzmir, Kayseri, Adana oder Gaziantep, in denen das Radfahren einen größeren Teil des täglichen Lebens einnimmt. Laut Yakan wird das Fahrrad dann aber vor allem von Männern benutzt, die eher aus sozial schlechter gestellten Schichten stammen. »Sobald man es sich leisten kann, kauft man ein kleines Auto. In den letzten Jahren verstärkt auch Mofas oder Motorräder.«

Das Fahrrad als Lösung
Trotz, oder gerade wegen der schwierigen Bedingungen und des zunehmenden Autobesitzes spürt man positive Zeichen einer wachsenden Fahrradkultur in Istanbul. Der Türkische Radfahrverband (Bisikletliler Derneği), 2008 in Istanbul gegründet, organisiert sich mittlerweile in mehreren Städte der Türkei durch Lobbyarbeit, Fahrraddemonstrationen und Aufklärungsarbeit. Auch auf lokaler Ebene bemerkt man steigendes Interesse an nachhaltigem Verkehr. Sichtbar wird das durch eine stetig wachsende Anzahl von Teilnehmern an der Critical Mass in Istanbul, neue Fahrradläden in angesagten Ortsteilen und Bikebloggern, die immer mehr Leser gewinnen.

Foto 3: Seçil Öznur Yakan vor ihrem Fahrradladen in Kadiköy. Seit 4 Jahren betreut die Fahrradaktivistin mit ihrem Mann den ersten türkischen Fahrradladen, der auch Fahrradkarten führt und über Touren informiert.

Slow Life
Einen Ort gibt es schon in Istanbul, wo es ganz anders zugeht. Auf den Prinzeninseln (Adalar) erlebt man, im Gegensatz zum Festland, himmlische Ruhe. Alle motorisierten Fahrzeuge sind verboten und man kommt nur noch mit dem Fahrrad oder der Pferdekutsche voran (Foto 4). Es stellt sich aber die Frage, wie lange die Inseln so erhalten bleiben, wie sie jetzt sind. Die Nachfrage nach Immobilien dort steigt. Und es gab bereits Gespräche über eine Autobrücke zur größten Insel, Büyükada.

Foto 4: Heybeliada – eine der neun Prinzeninseln im Marmarameer, auf denen kein motorisierter Verkehr erlaubt ist.

[1] EMBARQ Turkey – »Safe Cycling Design Manual for Istanbul« – http://bit.ly/2cwDkCr