Behördenlenker

Titel Interview DSCN4173
Jörg lange vor den Büros der VlB – am ehemaligen Flughafen Tempelhof

Jörg Lange ist Chef der Verkehrslenkungsbehörde (VlB). Mit dem studierten Geophysiker, der jährlich etwa 10.000 Kilometer Fahrrad auf Berlins Straßen fährt, sprach Kerstin E. Finkelstein. VON KERSTIN E. FINKELSTEIN

radzeit: Viele Jungs träumen von einem Job als Verkehrspolizist. Ist Chef der VlB zu sein noch besser?
Jörg Lange
: Manchmal denke ich ja, ich bin der mächtigste Mann in Berlin – jedenfalls an den Negativschlagzeilen gemessen. Eine Baustelle muss nur den Verkehr stark behindern und schon sind viele Berlinerinnen und Berliner über die VLB ver-ärgert. Im Positiven ist das leider weniger schnell zu schaffen.

Wir leiden nicht nur unter ihren Baustellen, auch Ampeln gehören zum alltäglichen grauen. ich habe schon mal darüber nachgedacht, einen wettbewerb „Berlins sinnloseste Ampel“ auszurufen. was halten Sie davon?
Ampeln werden doch nicht willkürlich aufgestellt. Statistisch gesehen haben wir zu wenige Ampeln: Im Durchschnitt rechnet man da mit einer Signal-anlage pro 1.000 Einwohner. Hamburg, München, Frankfurt – alle liegen etwa in diesem Durch-schnitt. Entsprechend müsste Berlin 3.500 Signal-anlagen haben. Es gibt aber bisher nur 2.100.
Das heißt ja aber nicht, dass alle vorhandenen eine Berechtigung haben. Zumal in Berlin pro Kopf auch deutlich weniger Autos unterwegs sind als in den von ihnen genannten Städten. Zum Beispiel beim Modell habersaathstraße / Schwarzer weg habe ich schon mal überlegt, ob Sie mit einem Ampelhersteller verschwä-gert sind. Da stehe ich immer ganz allein auf weiter Flur vor meinem „Rot“.
Ich kenne nicht jede einzelne der 2.100 Ampeln in Berlin. Meistens beschweren sich die Bürgerinnen und Bürger aber, wenn wir mal eine Ampel weg-nehmen. Wir stellen zum Beispiel bei Baustellen manchmal temporär eine Signalanlage auf. Wenn die Baustelle dann fertig ist, beklagen sich Fuß-gänger, dass sie vor dem Rückbau der temporä-ren Anlage dort  sicher die Straße queren konn-ten. Für Fußgänger sind Ampeln sehr wichtig. Meistens beschweren sich nur Kraftfahrzeugführer oder Radfahrer über Ampelanlagen.

Logisch. Fußgänger müssen sich dem allgemeinen Empfinden nach ja auch nicht an Ampeln halten.
Ohnehin bräuchten wir ohne Autos wohl keine Ampeln. Die tägliche Praxis und auch diverse Modellversuche zeigen uns, dass Ampeln nötig sind, um Unfälle zu vermeiden. In verschiedenen Städten wurde schon versucht, einfach mal einen Teil der Signalanlagen abzuschalten – daraufhin stiegen die Unfallzahlen. Leider gilt das auch für Nachtabschaltungen.
Wenn es um die Unfallgefahr ginge, dürfte es in Berlin keine verpflichtenden Hochbordradwege mehr geben. Schließlich sind Radfahrer erwiesenermaßen auf Radspuren sicherer unterwegs. warum werden wir dennoch auf 110 Kilometern Strecke auf den Radweg gezwungen?
Seitdem nachweisbar die Radverkehrsführung auf der Straße für den Radfahrer sicherer ist, werden in Berlin – soweit möglich – Rad-streifen auf den Fahrbahnen angelegt. Dazu muss auch schon mal eine Fahrspur für den motorisierten Verkehr weichen. In der Vergangenheit wurde mancherorts anders entschieden. Derzeit gibt es viele Klagen bzw. Widersprüche gegen die Radwegebenutzungspflicht an konkreten Stellen. Dort werden wir nach und nach die Benutzungspflicht aufheben. Das geht aber nicht überall gleichzeitig.
Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die generelle Benutzungspflicht schon vor 16 Jahren aufgehoben wurde! Verblüffenderweise gibt es ja sogar noch immer Orte, wo neue Hochbordradwege angelegt werden.

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Umleitungsmanöver

Das liegt am langen Zeitraum zwischen Planfeststellung und Fertigstellung. Am Großberliner Damm z. B. würde man heute sicher einen Radstreifen anlegen. Zum Zeitpunkt der Planung hatte man die aber noch gar nicht auf dem Plan. Jetzt ist es so, dass wir die Benutzungspflicht auch nicht überall abordnen können, wo es aus Radfahrerperspektive sinnvoll erscheint. Laut Gerichtsurteil muss z. B. ein Radweg aus Sicherheitsgründen genutzt werden, wenn beim Abbiegen nach links Schienen in einem spitzen Winkel ge-kreuzt würden. Radfahrer dürfen dort nicht fahren, wo sie beim Linksabbiegen zumindest einer theoretischen Gefahr ausgesetzt wären. Und ein Schild „Radfahrern ist Linksabbiegen verboten“ gibt es nicht. Wir versuchen uns jetzt durch die Anlage von so genannten „Hasenohren“ zu hel-fen. Darunter versteht man die Bereiche, wo Radfahrer sich rechts von der Radspur aufstellen können, wenn sie nach links abbiegen wollen.
ist die VLB also von Radfahrern gesteuert?
Bei uns arbeiten Menschen, die wahlweise lieber Auto fahren, öffentliche Verkehrsmittel nutzen oder mit dem Rad unterwegs sind. Wir repräsentieren ganz gut den Bevölkerungsdurchschnitt und können auch die unterschiedlichen Interessen der Verkehrsteilnehmer gut wahrnehmen. Und deshalb kümmern wir uns auch um den Radverkehr! Zum Beispiel installieren wir zurzeit ein Detektionsnetz, um zu zählen, wie viele Räder unterwegs sind. Das ist für den Autoverkehr Standard und wird als Grundlage für planerische Entscheidungen gebraucht. Beim Radverkehr hat man das bislang nur sporadisch und manuell ge-macht. Mit den neuen Zahlen werden wir dann strategisch besser auf den steigenden Radverkehr reagieren können, weil wir belastbare Zahlen haben.