Auf Streife mit der Fahrradstaffel

In der Innenstadt kennt sie inzwischen fast jeder. Die Fahrradstaffel der Polizei soll sowohl unter Auto-, als auch unter Radfahrern für Ordnung sorgen. NIKOLAS LINCK hat sie einen Tag lang begleitet.

Lieber auf zwei Rädern unterwegs: Polizeikommissar Ronny Theil, Polizeioberkommissar Sascha Reichenberger und Polizeikommissarin Nadien Freitag (v. l.) vor ihrer Dienststelle in Moabit. Foto: ADFC Berlin

Sie sind einzigartig in Deutschland: 20 Polizistinnen und Polizisten sind in Berlin jeden Tag ausschließlich mit dem Fahrrad auf Streife. Zwar dürfen Polizeibeamte schon lange freiwillig Dienstfahrräder nutzen, doch diese Möglichkeit wird kaum genutzt. Ebenfalls einzigartig:
Die Fahrradstaffel kümmert sich fast ausschließlich um Verkehr und wird nur in Ausnahmen per Funk zu anderen Einsätzen gerufen. Seit 2014 läuft der gemeinsame Versuch von Senat, Polizei  und dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Die Unfallforscher des Verbands untersuchten den Erfolg der Fahrradstaffel in einer wissenschaftlichen Studie. Die Ergebnisse sind durchweg positiv: Weniger Regelverstöße, weniger Unfälle mit Radbeteiligung und eine gestiegene Akzeptanz der Staffel unter den Bürgern. Im Sommer dieses Jahres endet die 3-jährige Versuchsphase. Doch die Zukunft der Fahrradstaffel ist ungewiss.
Sitz der Fahrradstaffel ist eine Wache in Moabit. Jede Menge Streifenwagen stehen hier vor der Tür. Doch Polizeioberkommissar Sascha Reichenberger geht an ihnen vorbei und führt in einen Raum hinter den Fahrzeugen. Hier stehen 20 weiß lackierte Trekkingräder und vier Pedelecs mit der Aufschrift »Polizei«. Reichenberger und seine Kollegen Nadien Freitag und Ronny Theil packen sich warm ein, bevor sie ihre Streife starten. Draußen herrschen Minusgrade. Normalerweise fahren die Beamten in Zweier-Teams entweder eine Früh- oder eine Spätschicht, seltener fahren sie auch zu dritt. Ihr Einsatzgebiet beschränkt sich weitgehend auf den Bezirk Mitte.

Unmöglich, alle Regelbrüche zu ahnden
Wo die Streife hinführt, können die Beamten spontan entscheiden. Heute geht es zunächst in die Invalidenstraße. Hier bietet sich ein ungewohnter Anblick: Sämtliche Lieferfahrzeuge stehen brav links des Radstreifens. Keiner blockiert die Radfahrer. Das sei der Präsenz der Fahrradstaffel zu verdanken und habe einige Zeit gedauert, so Reichenberger. »Aber inzwischen haben es fast alle gelernt«. An der Ecke Chausseestraße halten die Beamten und stellen ihre Fahrräder ab. Dichter Verkehr drängt sich hier über die Kreuzung. Fußgänger hasten in letzter Sekunde zum U-Bahneingang auf der Mittelinsel. Radfahrer fahren auf einem schmalen Schutzstreifen direkt an den Autos vorbei. Wollen sie weiter geradeaus, haben Sie Vorfahrt gegenüber den Rechtsabbiegern. Aber mehr als die Hälfte der Autofahrer biegt zu unvorsichtig ab, viele schneiden Radfahrern den Weg ab. Es wird abrupt gebremst, Radfahrer schlängeln sich zwischen quer stehenden Fahrzeugen hindurch. Reichenberger und seine Kollegen winken einige Autofahrer an den Straßenrand. Sie zücken ihren Block und es setzt 10 Euro Verwarngeld. Das Kuriose: Bemerkenswerterweise können die Beamten damit bei jeder Grünphase neu beginnen – obwohl sie in leuchtend gelber Polizeiuniform von weitem zu sehen sind. Wenigen Autofahrern scheint ihr falsches Verhalten bewusst zu sein. Schnell offenbart sich das Dilemma der Zweiradpolizisten: Sie können gar nicht alle Verstöße ahnden, die um sie herum passieren. Deshalb gehen sie gezielt einzelnen Delikten nach.

Sechster Sinn für Handynutzung
Irgendwann verlassen die Beamten die Kreuzung. Auf dem Weg zur Friedrichstraße schert Sascha Reichenberger plötzlich blitzschnell aus und bringt ein junges Pärchen auf der anderen Straßenseite zum Stehen. Der Mann hatte auf dem Fahrrad sein Telefon gezückt. Der Beamte belässt es diesmal bei einer mündlichen Verwarnung, da es sich um ahnungslose Touristen aus dem Ausland handelt. Reichenberger drückt ein Auge zu – eigentlich wären 25 Euro fällig. Während Reichenberger für Handys auf dem Rad inzwischen einen »sechsten Sinn entwickelt «habe, lassen sich andere Verstöße schwerer ahnden. Der Durchgangsverkehr in Fahrradstraßen etwa. Zu einfach sei es für die Autofahrer, sich herauszureden. Schon der Besuch eines Geschäfts gibt ihnen die Durchfahrtsberechtigung als »Anlieger«. Noch schwerer sei es beim zu knappen Überholen, denn vor Gericht fehle der messbare Beweis. Die Gefährdung ist den Polizisten bewusst, obwohl es sie nicht selber betrifft. Denn die Aufschrift »Polizei« auf ihrem Rücken scheint Wunder zu wirken: Die Fahrradstaffel wird an diesem Tag ausschließlich im weiten Bogen überholt.

Alles im Blick: Oft gibt es an Kreuzungen mehr Regelverstöße, als die Beamten ahnden können. Foto: ADFC Berlin

Rätselhafte Radstreifen
Von der Friedrichstraße geht es weiter zur Annenstraße in Kreuzberg. Hier stehen mehrere Autos auf dem Radstreifen. Die Beamten beginnen, Knöllchen zu schreiben. Wenn er wollte, könnte er jede einzelne Schicht allein mit Falschparkern füllen, erzählt Reichenberger. Noch während er spricht, beginnt ein junger Mann vor seinen Augen auf dem Radstreifen einzuparken. Als der Polizist ihn anspricht, ist er offensichtlich ahnungslos. Es folgt eine kostenlose Lektion der Straßenverkehrsordnung. Der Dialog mit den Verkehrsteilnehmern gehört zu den Kernaufgaben der Fahrradstaffel. Die Beamten sollen sichtbar und ansprechbar sein und so zu einem friedlichen Verkehrsklima beitragen. Zwar habe sich die Stimmung nach Einschätzung der Beamten nicht deutlich verschlechtert. Aber voller sei es auf den Straßen geworden. Auch unzureichende Infrastruktur trage zum Ärger vieler Radfahrer bei. Der Radstreifen in der Annenstraße endet 50 Meter vor der Kreuzung im Nichts. Warum, wissen auch Reichenberger und seine Kollegen nicht. Mehrmals habe sie bei den Verantwortlichen nachgefragt und keine Antwort erhalten. Das frustriert.

Ermahnung oder Anzeige?
Das Vorurteil, die Fahrradstaffel kümmere sich zu viel um Fahrradfahrer und zu wenig um Autofahrer, deren falsches Verhalten eben schneller Verletzte und Tote fordert, lässt sich beim Blick auf die Zahlen nicht bestätigen: Rund 21.000 Ordnungswidrigkeiten von Kraftfahrzeugführenden wurden binnen zwei Jahren aufgenommen. Im gleichen Zeitraum waren es von Radfahrern knapp die Hälfte. Auf etwa jeden dritten Verstoß, den die Fahrradstaffel beobachtet, folgt nur eine mündliche Ermahnung. Das ist die Praxis bei Gehwegradlern, die niemanden gefährden, aber auch bei »sehr kurzfristigen« Halteverstößen von Autofahrern. Bei anderen Regelverletzungen wie Rotlichtfahrten kennen die Beamten kein Pardon. Über die Unfallursächlichkeit ließe sich dabei streiten: Wer bei Rot an einer leeren Kreuzung rechts auf den Radweg abbiegt, gefährdet nicht einmal sich selbst. Ein besonderes Augenmerk auf Lkw, deren Abbiegefehler letztes Jahr sechs Radfahrern das Leben kosteten, legt die Staffel derweil nicht.

Wird der Block gezückt, gibt es eine Anzeige.
Fehler beim Abbiegen kosten 10 Euro. Foto: ADFC Berlin

Bestehen scheint sicher

Auch wenn es hin und wieder Kritik an der Fahrradstaffel gibt: Der Erfolg des Projekts ist eindeutig belegt. Verbände, Politik und Forscher sind sich einig: In einer Stadt mit so viel Radverkehr wie Berlin sollte die Polizei den Verkehr nicht nur durch die Windschutzscheibe, sondern auch über den Lenker betrachten. Umso erstaunlicher, dass die Erhaltung der Staffel nicht in die Koalitionsvereinbarung der neuen Landesregierung aufgenommen wurde, die sonst sehr ins Detail geht. Dort steht lediglich: »Die Fuß- und Fahrradstreifen von Polizeibeamtinnen und -beamten will die Koalition spürbar ausbauen.« Doch Martin Pallgen, Sprecher der Senatsverwaltung für Inneres und Sport, beruhigt: »Die Fahrradstaffel bleibt und wird erweitert. Nur die Details stehen noch nicht fest.« Sascha Reichenberger und seine Kollegen, die sich nahe des Alexanderplatzes bei einem Kaffee für die letzte Stunde der Schicht aufwärmen, wollen jedenfalls nicht zurück in den normalen Polizeidienst. Gegen 40 Mitbewerber haben sie sich damals durchgesetzt. Und Sie hoffen, dass die Fahrradstaffel bald nicht nur in Mitte sondern auch in anderen Bezirken unterwegs ist. Das fordert auch der ADFC Berlin. Klar wird am Ende des Tages, dass ein besserer Draht von der Fahrradstaffel zu den Straßen- und Verkehrsbehörden geschaffen werden muss. Denn die Beamten kennen die Schwachstellen der
Infrastruktur genau. So könnten sie Radfahrer nicht nur vor abbiegenden Autos schützen, sondern auch vor Radstreifen, die plötzlich enden.


Velophil