ADFC-Cargobike, made in Berlin

Eigentlich brauchte der ADFC Berlin nur ein neues Lastenrad. Aber wenn Michael Schönstedt von Pedalpower vorbeikommt, bringt er nicht nur Fahrrad-Hightech mit, sondern auch einige Anekdoten aus einem Leben voller Cargobike-Erfahrung. VON NIKOLAS LINCK

Bei Bedarf mobiler Infostand: Das neue ADFC-Lastenrad.

Bei Bedarf mobiler Infostand: Das neue ADFC-Lastenrad.

Schick sieht es aus, das neue ADFC-Cargobike. Die große Ladekiste lässt sich zum Infostand mit Tresen aufklappen, dank E-Motor surrt es bei der Testfahrt unverschämt leicht den Radweg vor der Geschäftsstelle rauf und runter. Während Entwickler Michael Schönstedt von der Berliner Fahrradschmiede Pedalpower den Bordcomputer und die stufenlose Schaltung erklärt, erfährt er, dass die Kollegin vom ADFC aus Kopenhagen stammt. Sofort gerät er ins Schwärmen.

Als Schönstedt vor 30 Jahren mit seiner Begleiterin per Tandem in die dänische Hauptstadt reiste, wurden nicht nur Hippie-Träume wahr, ihm wurden auch die Augen in puncto Cargobikes geöffnet. In der selbstverwalteten Wohnsiedlung Christiania werkelten damals dutzende Aussteiger an ihren Lastenrädern, heute ist das zweispurige Christiania-Bike eine Ikone. »Tagsüber wurde gemeinsam geschraubt, abends saßen wir mit Wein und Gitarre am Lagerfeuer. Das war eine grandiose Zeit, die mich bis heute inspiriert«, erinnert sich der Mechaniker.

Er spezialisierte sich auf Lasten- und andere Spezialräder, probierte viel aus, schweißte eigene Rahmenkonstruktionen. Auf anderen Reisen lernte er, dass Lastenräder in vielen Ländern schon lange zur Kultur gehören: »In Südamerika habe ich damals gesehen, wie Menschen so ziemlich alles auf Fahrrädern transportieren. In Deutschland hielten es die Leute dagegen für unmöglich, nur eine Kiste Bier ohne Auto von A nach B zu bekommen.« Neben dieser Erkenntnis gab es irgendwann eine ganz persönliche Dringlichkeit: Schönstedt wurde Vater von Zwillingen und stand vor der Frage, wie er mit zwei Kindern mobil bleiben könnte – natürlich baute er sich ein passendes Fahrrad.

Zeitweise setzte der Fahrrad-Profi seine Ideen zusammen mit verurteilten Straftätern oder benachteiligten Jugendlichen um, im Rahmen von Sozialprojekten wurde seine Fahrradwerkstatt zum Ort gesellschaftlicher Integration. Aus der Leidenschaft und den vielen Experimenten wurde irgendwann ein professioneller Betrieb. Schönstedt gründete Pedalpower und beschäftigt inzwischen zehn Mitarbeiter. Die Spezialität des Hauses ist ein eigenes Lastenrad nach Vorbild des einspurigen Long John. Bei der Ausstattung mit E-Motoren arbeitet die Fahrradschmiede eng mit dem bayrischen Autozulieferer
Brose zusammen. Der baut laut Schönstedt erstklassige E-Bike-Motoren, die leicht, flexibel und trotzdem leistungsstark sind. Da der Motor »E-Harry« ebenfalls
in Berlin gefertigt wird, trägt das ADFC-Lastenrad nun das stolze Label: made in
Berlin.


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