A und O: Der Schulterblick

Verkehrssicherheit ist sein großes Thema. Mit aller Vehemenz kämpft Bernd Zanke (64) dafür, dass die Berliner Straßen für Radfahrende sicherer werden – und auch dafür, dass die Radfahrerinnen und Radfahrer selbst mehr zu ihrer Sicherheit im Straßenverkehr beitragen. Seit 2009 ist er als Stadtteilgruppensprecher im ADFC aktiv, seit 2010 im Landesvorstand. Mit dem engagierten Reinickendorfer sprach CLAUDIA LIPPERT

radzeit: Als Trainer hast du unzähligen Berliner Jugendlichen das Rennradfahren beigebracht, ihnen allen auch eine wichtige Grundregel mit auf den Weg gegeben, den Schulterblick nicht zu vergessen. Was hat dich schließlich bewogen, deine Kompetenz im ADFC einzubringen?
Bernd Zanke: Gerade meine Tätigkeit als Ausbilder und Trainer hat dazu geführt, dass ich mich immer wieder gefragt habe, wie es denn sein kann, dass so viele Radfahrerinnen und Radfahrer verunglücken. Aufzuklären, durch eine Lobbyorganisation mehr Menschen zu erreichen – das war für mich dann die Motivation, im ADFC mitzuarbeiten.

Und das Sicherheitsthema hast du auch hier gleich aufs Tapet gebracht?
Ja, richtig. Ich habe den Vorstand schnell überzeugen können, Fahrkurse für Erwachsene anzubieten und bei den ADFC-Fahrrad-Checks auch über Verkehrssicherheit zu informieren. Von der Verkehrslenkung Berlin haben wir dafür ja auch die Mittel zur Verfügung gestellt bekommen.

Welche Erfahrungen hast du in den Fahrkursen gemacht?
Viele Erwachsene, die aufs Rad steigen, wissen über die Verkehrsregeln nicht gut genug Bescheid. Und das führt dann auch zu Unfällen. Beispielsweise erzählt mir dann jemand, er habe einen Unfall gehabt, fahre seither nur noch außerhalb Berlins und nur noch auf Radwegen oder dem Gehweg. Da fühle man sich sicher – aber das ist ein trügerischer Irrglaube.

Deswegen setzt sich der ADFC ja auch für Radstreifen auf der Fahrbahn ein.
Richtig. Fast immer ist es sicherer, auf der Fahrbahn oder einer „Radspur“ zu fahren. Da wird man als Radfahrender von den Autofahrerinnen und Autofahrern einfach besser gesehen. Wer sich sieht, fährt sich nicht um!

Viele schwere Unfälle, bei denen Radfahrende zu Schaden kommen, sind nach wie vor von Kfz verursachte Abbiegeunfälle.
Deswegen predige ich in den Kursen auch immer wieder: Vergesst den Schulterblick nicht! Beim Rechtsabbiegen müssen Autofahrende nach rechts schauen und Radfahrende in der gleichen Phase nach links. Am Kaiserdamm, wo der ADFC kürzlich ein Geisterrad aufgestellt hat, weil dort eine Radfahrerin bei einem Unfall zu Tode gekommen ist, habe ich eine Stunde lang den Verkehr beobachtet. Es war erschreckend: Kaum ein Radfahrender macht den Schulterblick. Die sind alle total brav gefahren und haben sich bei Grün an der Ampel darauf verlassen, dass andere Verkehrsteilnehmerinnen und Verkehrsteilnehmer sie auch sehen und beachten werden. Da kann man gar nicht genug mahnen, warnen und appellieren, im Zweifel zum Eigenschutz, auf seinen Vorrang zu verzichten.

Oft sind es gerade Ältere, die auf dem Rad verunglücken. Jeder zweite Radfahrende, der in den vergangenen fünf Jahren in Berlin zu Tode kam, war älter als 55, jeder Dritte älter als 65.
Ja, das ist sehr erschreckend. Umso mehr bedrückt es mich, dass die Senioren-Resonanz bei den Fahrkursen eher gering ist. Es kommen Erwachsene, aber nur wenige Senioren.

Woran könnte das deiner Meinung nach liegen?
Ich habe mich darüber auch mit dem ADAC unterhalten. Dahinter steckt vielfach wohl die Angst, die Fahrerlaubnis weggenommen zu bekommen, wenn es beim Radfahrkurs Probleme gibt. Das ist natürlich nicht der Fall.

Hast du eine Idee, wie die Verkehrssicherheit der Senioren auf dem Fahrrad wirkungsvoll erhöht werden kann?
Die Kurse sind der richtige Weg. Aber man muss die Leute auch erreichen – und da habe ich ehrlich gesagt auch noch kein Patentrezept.Radzeit 03_04-Druckfassung_Seite_11_Bild_0001

Das Problem könnte sich durch den Trend zum Pedelec und E-Bike eher noch verstärken.
Das sehe ich auch so. Mehr als eine Million Pedelecs sind in Deutschland bereits verkauft worden. Das hat auch vielen Älteren die Möglichkeit gegeben, wieder mobil zu sein. Aber viele Autofahrerinnen und Autofahrer denken, da kommt ein Opa mit einem langsamen Rad, obwohl der dann gar nicht so langsam ist – das bedeutet ein zusätzliches Risiko. Es ist auch gar nicht so einfach, auf dem Pedelec mit dem Schub beim Anfahren richtig umzugehen. Wer spät im Alter mit dem Radfahren anfängt, muss sich darauf erst einmal einstellen und sich mit dem Verhalten des Rades vertraut machen.

Was wirst du tun?
Ich werde nicht locker lassen, Radfahrende vor den Gefahren abbiegender Kraftfahrzeuge zu warnen, werde weiterhin in Fahrkursen und in vielen ADFC Vorträgen „Ist Rad fahren sicher in Berlin?“ auf den Schulterblick und auf ständige Vorsicht und gegenseitige Rücksichtnahme als das A und O der Verkehrssicherheit hinweisen. Und mich in Sicherheitsfragen für die Berliner Radfahrerinnen und Radfahrer engagieren – als ADFC Vorstandsmitglied im Verkehrssicherheitsforum sowie im FahrRat des Senats und auch in diversen Bezirken.